Oft lassen wir uns von unseren unangenehmen Gefühlen und Gedanken davon abhalten, das zu tun, was uns wichtig ist. Wir glauben, erst muss die Angst verschwinden, bevor wir auf neue Menschen zugehen können. Erst müssen wir uns motiviert fühlen, bevor wir unsere Aufgaben angehen können. Erst muss die Traurigkeit aufhören, bevor wir das Bett verlassen können. Erst müssen wir uns mutig fühlen, bevor wir den Konflikt klären können. Erst müssen wir wertschätzende Gedanken über uns selbst haben, bevor wir eine Beziehung eingehen können. Mit anderen Worten, zuerst müssen wir bestimmte „positive“ Gefühle und Gedanken haben und dann können wir die Dinge tun, die uns wichtig sind. Diese Überzeugung ist tief in den meisten von uns verwurzelt. Und sie ist falsch.
Man könnte sagen, unsere Gefühle und Gedanken sind wie das Wetter: Mal mehr, mal weniger angenehm. Wir glauben, erst muss das Wetter gut sein, dann können wir in die Stadt gehen, unsere Erledigungen machen und unseren Pflichten nachgehen. Das Problem ist, dass wir, um im Bild zu bleiben, in Hamburg leben und wir die schönen Sonnentage im Jahr an einer Hand abzählen können. Also bleiben wir an allen anderen Tagen zuhause und vernachlässigen viele Dinge, die uns wichtig sind. Unsere Probleme und Schwierigkeiten häufen sich an, während wir drinnen sitzen, in den Regen gucken und auf besseres Wetter hoffen. Manchmal wird dieser Haufen von Schwierigkeiten so groß, dass uns das Gesundheitssystem eine psychische Diagnose gibt. Wir gehen in therapeutische Behandlung oder machen uns anderswo auf die Suche nach Techniken oder Medikamenten, um das Wetter zu ändern, damit wir unser Leben endlich wieder in den Griff bekommen. Die schlechte Nachricht ist, dass niemand wirklich Kontrolle über das Wetter hat.
Die gute Nachricht ist, dass wir das Wetter nicht ändern müssen, um unser Leben anzugehen. Wir können lernen, das schlechte Wetter zu akzeptieren und trotzdem das zu tun, was uns wichtig ist. Genau darum geht es in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (kurz: ACT, ausgesprochen als ein Wort wie das englische Verb „to act“). Unsere unangenehmen Gefühle und Gedanken sind nur ein scheinbares Hindernis zwischen uns und dem gelungenen Leben. Wenn wir uns von ihnen abhalten lassen, erliegen wir einer Illusion, die wir aber mit einiger Übung zu durchschauen lernen. Wir können lernen, eine neue Haltung gegenüber unangenehmen Gedanken und Gefühlen einzunehmen und uns von ihnen nicht länger beherrschen zu lassen. Dadurch verschwinden sie nicht. Aber sie verlieren ihre Macht über uns, sodass wir freier handeln, unseren Zielen nachgehen und unser Leben leben können (R. Harris, 2019).
Die Wettermetapher lässt sich noch weiterführen. Wenn es wirklich wichtig ist, was ich draußen zu erledigen habe, wenn es einem Freund schlecht geht oder ich vor Ladenschluss noch etwas fürs Rezept kaufen muss, fällt es mir viel leichter, das schlechte Wetter hinzunehmen. Wir spannen unseren Schirm auf, Atmen tief durch und gehen aus der Tür. Mit anderen Worten, wenn ich genau weiß, was mir im Leben wichtig ist, kann ich unangenehme Gefühle und Gedanken besser akzeptieren. Ich konzentriere mich auf die Handlung (einkaufen, zur Apotheke radeln) und alles andere rückt in den Hintergrund. Viele Erfahrungen, die wir im Leben machen, sind schwierig, anstrengend, unangenehm oder langweilig. Aber wenn wir wissen, wieso wir diese Schwierigkeiten auf uns nehmen, finden wir die Kraft, dies auch zu tun. Wir brauchen einen Grund, einen Sinn oder eine Menge von Werten, an die wir glauben und hinter denen wir stehen. Dann schultern wir die Bürde bereitwillig, die uns das Leben auferlegt. Entsprechend besteht ein großer Teil der Arbeit im Rahmen von ACT darin, dass wir uns unserer Werte bewusst werden.
Anschließend können wir lernen, uns wieder und wieder für unsere Werte zu entscheiden. In ganz gewöhnlichen Alltagssituationen stehen wir immer wieder vor derselben Entscheidung: Entweder ich handle so, wie ich es für richtig halte, oder ich gehe meinen Schwierigkeiten aus dem Weg. Entweder ich sage meinem Partner ehrlich, was ich verbockt habe, oder ich lüge, damit er nicht sauer auf mich ist. Entweder ich nehme meinen Mut zusammen und sage meinem Onkel, was mich stört, oder ich schlucke meinen Ärger runter, damit es keinen Streit gibt. Entweder ich gehe meine Aufgabe auf der Arbeit an oder ich lenke mich ab im Internet, damit ich meine Versagensängste nicht spüre. Entweder ich räume die Wohnung auf und putze oder ich bin weiterhin am Handy, damit ich mich nicht anstrengen muss. Entweder ich gehe auf die neue Person in der Gruppe zu und fange ein Gespräch an oder ich ziehe mich zurück, damit ich mich nicht unsicher fühle. Entweder ich gehe raus in den Regen und tue, was mir wichtig ist, oder ich bleibe drinnen, weil ich nicht nass werden will.
In Millionen von Entscheidungen habe ich immer die gleiche Wahl. Auf der einen Seite kann ich nach meinen Werten handeln, aber das hat meistens seinen Preis und ich muss irgendwelche Schwierigkeiten ertragen. Auf der anderen Seite kann ich diese Schwierigkeiten vermeiden. Dann entferne ich mich aber immer weiter von meinen Werten und mein Leben kommt mir immer sinnloser und bedeutungsloser vor. Viele psychische Schwierigkeiten und Diagnosen kommen daher, dass wir uns wieder und wieder gegen unsere Werte entscheiden, den Weg des geringsten Widerstandes gehen und uns Schritt für Schritt immer tiefer in einer Wüste der Sinnlosigkeit verlieren.
Durch ACT können wir in die umgekehrte Richtung gehen, die unvermeidbaren Schwierigkeiten des Lebens auf uns nehmen, uns unseren Werten zuwenden und wieder in engen Kontakt zu unserem Lebenssinn treten. So arbeiten wir Schritt für Schritt daran, dass unser Leben, unsere Beziehungen und unser Handeln immer mehr in Übereinstimmung mit dem Menschen stehen, der wir eigentlich sind. Wir akzeptieren die unvermeidbaren Schwierigkeiten und verpflichten uns vor uns selbst (engl. „to commit“) zur Handlung, die unseren Werten entspricht. Das sind die zwei Bestandteile der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Unsere Werte sind dabei wie ein Wegweiser, der uns die Richtung durch die Irrungen und Wirrungen unseres Lebens aufzeigen kann, wenn wir ihn nur im Blick behalten.
Wenn wir den Weg gehen, den uns unsere Werte aufzeigen, wird unser Leben also nicht wie durch Zauberhand von allen Leiden oder psychischen Symptomen befreit. ACT verschafft uns auch kein Leben mit möglichst viel Spaß oder möglichst vielen angenehmen Gefühlen. Stattdessen werden wir immer besser darin, den Preis wertegeleiteter Handlungen zu zahlen und erhalten dadurch etwas, das mir persönlich viel wertvoller vorkommt, nämlich ein bedeutungsvolles Leben. Dadurch werden unsere psychischen Symptome und menschlichen Schwierigkeiten erträglich.