Die kurze Antwort ist: Sie müssen sich gar nicht rechtfertigen. „Nein.“ ist ein vollständiger Satz. Rechtfertigungen haben Vor- und Nachteile je nach dem, wie viel Widerstand Ihr Gegenüber gegen Ihre neue Grenze hat.
Fall 1: Angenommen Ihrem Partner sind Ihre Bedürfnisse wichtig. Dann kann es hilfreich sein, die Gründe und Gefühle hinter Ihrer Grenze ausführlicher zu erläutern, damit er Sie besser versteht. Wenn Ihr Partner etwas anderes will, aber kompromissbereit, sachlich und konstruktiv ist, ist es ebenfalls hilfreich, Ihre Beweggründe auszuführen. Ansonsten kommen Sie nicht auf einen Nenner.
Fall 2: Wenn Ihr Gegenüber jedoch starken Widerstand gegen Ihre Grenze zeigt, kann es hilfreicher sein, sich möglichst kurz zu fassen oder gar keine Begründung zu liefern. Dieses Vorgehen bietet sich auch an, wenn die Grenze für Sie unverhandelbar ist. „Ich will nicht beleidigt werden.“ ist eher unverhandelbar und bedarf keines Grundes. „Ich will heute nicht in die Pizzeria.“ ist eher verhandelbar und kann eines Grundes bedürfen. (Vielleicht haben Sie auch einfach keine Lust auf Pizza und damit endet die Geschichte.)
Wenn Sie einen Einblick in Ihre Gedanken- und Gefühlswelt geben wollen, können Sie sich auch an dem Schema aus Wahrnehmung, Wirkung und Wunsch (WWW) aus der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) orientieren.
Wahrnehmung: Was nehmen Sie wahr? („Ich sehe, dass du am Abendbrottisch am Handy bist.“)
Wirkung: Was löst diese Wahrnehmung in Ihnen aus? („Das macht mich wütend und ich fühle mich enttäuscht, weil ich mit dir reden wollte, du aber geistig abwesend bist.“)
Wunsch: Was wünschen Sie sich? („Ich wünsche mir, dass du das Handy weglegst und dich mit mir unterhältst.“) Durch diesen Dreischritt bleiben Sie bei sich, das Gegenüber fühlt sich tendenziell weniger angegriffen und Sie formulieren eine Grenze.
Dies ist meiner Einschätzung nach jedoch ein eher softes Vorgehen, das nicht für alle Situationen passt. Als Daumenregel würde ich sagen: Je konfrontativer die Situation ist, wenn Sie eine Grenze ziehen, desto weniger sollten Sie Ihre Grenze begründen. Je verständnisvoller und kooperativer Ihr Gegenüber ist, desto mehr können Sie es an Ihren Gründen und Gefühlen teilhaben lassen.