Hier die klassischen Reaktionen Ihres Gegenübers im Detail:
Die Grenze wird zur Kenntnis genommen, aber rundheraus abgelehnt, ohne auch nur den Kompromiss zu suchen.
Beispiele:
„Nun, ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Das ist nicht fair.“
„Ich habe auch Bedürfnisse, aber deswegen zwinge ich dich auch nicht, dich zu ändern.“
„Es ist respektlos, das von seinen Eltern zu verlangen.“
Wie man mit Ablehnung der Grenze umgeht:
Bestätigen Sie, dass Sie das Anliegen der anderen Person gehört haben. Wiederholen Sie die Grenze, die Sie ursprünglich gesetzt haben: „Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben. Ich halte jedoch an meinem Anliegen fest.“ Oder „Ich verstehe, dass dir meine Grenzen nicht gefallen, aber ich bleibe bei meinem Standpunkt.“
Auch wenn die Aussage über die Grenze beim Gegenüber angekommen ist, kann es sein, dass Ihre Grenzen getestet werden. Was sind die Konsequenzen, wenn man gegen die Grenze verstößt? Lassen Sie Ihren Worten auch Taten folgen? Wie streng ziehen Sie die Grenze? Lassen Sie sich auf Ausnahmen und Kompromisse ein?
Wie man mit Grenztests umgeht:
Benennen Sie, dass Ihr Gegenüber Ihre Grenze testet: „Du testest meine Grenzen aus.“ Dann wiederholen Sie die Grenze: „Ich will nicht, dass du mich verbal abwertest.“ Zur Wiederholung: „Nein.“ ist ein vollständiger Satz. Sie müssen Ihre Grenzen nicht rechtfertigen.
Manche Menschen tun so, als hätten sie uns nicht gehört oder als hätten Sie die Grenze nie benannt, und machen weiter wie vorher. Manchmal wird auch so getan, als sei die Grenze missverstanden worden.
Wie man mit Ignorieren umgeht:
Wiederholen Sie Ihre Grenze. Fordern Sie Ihren Gesprächspartner dann auf, Ihre Grenze in eigenen Worten zu wiederholen. „Ich will nicht, dass du mir ungefragt Ratschläge gibst. Ich möchte jetzt von dir hören, wie du meine Bitte verstehst, weil ich sichergehen will, dass du mich gehört und verstanden hast.“
Wenn Sie anfangen, Grenzen zu ziehen, die Sie vorher nicht gezogen haben, wird man Ihnen vielleicht vorwerfen, dass Sie widersprüchlich handeln. Schließlich lehnen Sie jetzt etwas ab, was Sie früher akzeptiert haben. Diesen Schuh müssen Sie sich nicht anziehen. Sie haben das Recht, Ihre Meinung und Ihr Verhalten zu ändern. Es ist in Ordnung, Ihr Gegenüber wissen zu lassen, dass Sie heute anders denken oder dass eine bestimmte Vereinbarung nicht mehr für Sie funktioniert.
Wie man mit dem Vorwurf des Widerspruchs umgeht:
Sie können Ihren Meinungswechsel eingestehen: „Mag sein, dass ich das früher anders gesehen habe. Heute habe ich eine andere Meinung.“ Und dann wiederholen Sie ihre Grenze. Wichtig ist, dass Sie immer auf dem Schirm haben sollten, wann Sie einen Kompromiss aushandeln wollen (!) und wann nicht.
Manche Menschen werden sich von Ihrer Grenze persönlich angegriffen fühlen und haben dann das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Ihr Gegenüber verfällt in diesem Fall in eine Defensivhaltung. Anschließend reagieren sie vielleicht mit Vorwürfen oder Schuldzuweisungen.
Beispiele für eine Defensivhaltung:
Ihr Gegenüber reagiert mit einer Forderung: „Dann will ich aber, dass du…“
Ihr Gegenüber erklärt, wieso es etwas getan hat.
Sie werden beschuldigt, sich übergriffig zu verhalten oder Ihr Gegenüber anzugreifen.
Geschichten aus der Vergangenheit werden hervorgeholt: „Du hast damals aber…“
Wie man mit Menschen spricht, wenn sie in der Defensivhaltung sind:
Bleiben Sie bei sich. Verwenden Sie „Ich“-Aussagen.
Lassen Sie sich nicht ablenken! prechen Sie immer nur über ein Thema auf einmal. Wenn Sie mit dieser Reaktion Ihres Gegenübers rechnen, notieren Sie die unterschiedlichen Themen auf einem Blatt Papier und besprechen Sie diese nacheinander. Sprechen Sie nicht über alte Probleme mit dieser Person, während Sie Ihre Grenzen darlegen.
Beziehungen und Freundschaften ohne Erklärung zu verlassen oder von der Bildfläche zu verschwinden wird oft als „Ghosting“ bezeichnet und ist eine ungesunde Reaktion auf Grenzen. Menschen, die einen sogenannten passiv-aggressiven Kommunikationsstil (siehe unten) haben, verwenden diese Reaktion. Anstatt ihre Einwände zu äußern, versuchen diese Menschen, Ihnen durch ihr Verhalten zu zeigen, wie sie sich fühlen.
Ghosting geschieht entweder direkt im Anschluss an Ihre Grenzsetzung oder ein paar Tage nachdem Sie Ihre Wünsche geäußert haben. Es ist im Allgemeinen eine Form der Bestrafung.
Ghosting sieht folgendermaßen aus:
Nichtbeantwortung von Anrufen oder Textnachrichten
Absagen von Plänen
Mit gemeinsamen Freunden oder Kontakten in Kontakt bleiben, Sie aber außen vor lassen
Wie man mit Ghosting umgeht:
Schicken Sie eine präzise Textnachricht oder E-Mail, in der Sie das Ghosting-Verhalten genau benennen. Bringen Sie offen, aber nüchtern zum Ausdruck, wie Sie sich durch das Ghosting fühlen und welche Bedenken Sie in Bezug auf die Beziehung haben. Wenn die Person weiterhin nichts von sich hören lässt und auf Distanz bleibt, ist dies ihr gutes Recht. Dann ist es an Ihnen, ob Sie dem Druck nachgeben und die Grenze zurücknehmen wollen oder die Beziehung aufgeben.
Anschweigen (the silent treatment) ist weniger extrem als Ghosting, aber immer noch schmerzhaft. Auch Anschweigen ist eine passiv-aggressive Strategie. Ihr Gegenüber versucht, Sie für die Grenzziehung zu bestrafen, ohne dies ausdrücklich auszusprechen. Die betreffende Person verhält sich merklich distanziert. Auf Nachfrage gibt sie sich einsilbig. Die Person scheint nur körperlich anwesend zu sein, geistig werden Sie ausgeblendet. (Bedenken Sie, dass manche Personen Zeit brauchen, sich auf die neue Situation einzustellen und nicht jeder Rückzug sofort problematisch ist.)
Wie man mit dem Anschweigen umgeht:
Benennen Sie das Anschweigen ausdrücklich: „Ich habe das Gefühl, nachdem ich meine Grenze gezogen habe, bestrafst du mich, indem du mich anschweigst.“ Hier haben Sie die Möglichkeit, eine neue Grenze zu setzen: „Wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben, will ich, dass wir diese offen klären.“ Wenn Ihr Gegenüber weiterhin schweigt, wozu es sich frei entscheiden kann, können Sie sich entscheiden, ob Sie sich dem Druck fügen oder bei Ihrer Grenze bleiben.
Eine sehr häufige Reaktion auf das Setzen einer Grenze sind Schuldzuweisungen. Diese können entweder direkt ausfallen („Ich finde, du solltest dich dafür schämen, wie du mit ihm umgegangen bist.“) oder indirekt („Ich sag ja nur, deine Schwester kommt auch mit zu deiner Großmutter und sie würde sich sicher freuen, wenn du mitkommst.“).
Je indirekter die Schuldzuweisung, desto manipulativer wird die Kommunikation, weil immer stärker verschleiert wird, worum es eigentlich geht: Der Sprecher will, dass ich etwas tue, und versucht dies zu erreichen, indem er mir Schuldgefühle macht. Da Grenzen setzen ohnehin für die allermeisten Menschen mit starken Schuldgefühlen einhergeht, sind wir für diese Taktik häufig sehr anfällig.
Nicht immer geschieht das Zuweisen von Schuld bewusst und nicht immer hat der Sprecher eine böse Absicht im Sinn, aber wenn Sie Ihre Grenze schützen wollen, sollten Sie in der Lage sein, Schuldzuweisungen schnell zu erkennen.
Möglichkeiten, mit Schuldzuweisungen umzugehen:
Benennen Sie die Schuldzuweisung direkt: „Versuchst Du, mir ein schlechtes Gewissen wegen meiner Entscheidung zu machen?“
Konzentrieren Sie sich auf sich selbst, nicht auf die andere Person: „Das ist nichts Persönliches. Ich habe einfach bestimmte Vorlieben und will das nicht. Das hat nichts mit Dir zu tun.“
Wiederholen und bekräftigen Sie die Grenze: „Ich habe den Eindruck, Du versuchst, mich umzustimmen. Aber meine Entscheidung ist getroffen. Ich fahre nicht mit.“
Diese direkten, aber respektvollen Aussagen helfen dabei, manipulative Taktiken zu benennen und gleichzeitig Ihre eigenen Grenzen klar zu kommunizieren.
Akzeptanz ist die gesunde Art, auf Grenzen zu reagieren, und ist ein Zeichen für eine funktionierende, auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung. Vielleicht sagt ihr Gegenüber „Danke, dass du Bescheid gegeben hast / dass du mich darauf hingewiesen hast.“ oder nimmt Ihre Grenze zur Kenntnis und ändert ihr Verhalten.
Akzeptanz heißt hier nicht, dass alle anderen zu meinen Forderungen „ja“ und „amen“ sagen oder sich meinem Willen beugen müssen. Akzeptanz heißt, dass das Bedürfnis wahrgenommen und anerkannt wird. Vielleicht äußert Ihr Gegenüber aber auch seinerseits eine eigene Grenze und Sie beginnen einen Aushandlungsprozess und finden einen Kompromiss. „Ich nehme wahr, was du willst. Ich will aber etwas anderes. Lass uns sehen, wie wir das bestmöglich unter einen Hut bekommen.“