Wie ärgerlich darf ich auftreten, wenn ich eine Grenze ziehe? Auch hier gibt es keine allgemeine Regel. Einerseits führt Ärger kurzfristig immer dazu, dass ich Beziehungskredit einbüße, also die Beziehung kurzfristig belaste und das Boot zum Schaukeln bringe. Das sind also die Kosten des Ärgers.
Andererseits ist ein gewisses Maß an Ärger in manchen Situationen notwendig, damit die Grenze zur Kenntnis genommen wird. Mit anderen Worten, manchmal muss die Grenze mit Nachdruck geäußert werden, damit mein Gegenüber versteht, dass ich es ernst meine.
Dabei ist Ärger ein Spektrum. Das heißt, der Übergang zwischen der leichtesten Verstimmung auf der einen Seite und dem kompletten Ausraster auf der anderen ist fließend. Die Kunst besteht darin, den Ärger genau richtig zu portionieren, und zwar so, dass er die Beziehung möglichst wenig belastet, meine Botschaft aber dennoch Gehör findet.
Viele Menschen können das nicht und haben den Eindruck, sie hätten genau zwei Optionen: Entweder sie schlucken alles sang- und klanglos runter, was ihr Gegenüber ihnen zumutet oder sie rasten aus. Ihr Ärger ist entweder komplett an oder komplett aus.
In einem etwas kruden Vergleich könnte man sagen: Solche Menschen sind sie wie ein Land, dass nur einen diplomatischen Dienst und ein Atomwaffenarsenal hat, aber keine konventionelle Armee. Ein solches Land kann auf kleinere Grenzscharmützel mit dem Nachbarland nicht angemessen reagieren und muss sie sich gefallen lassen, wenn es nicht auf den roten Knopf drücken will. Seinen Ärger im Griff zu haben, bedeutet also, ihn genau kontrollieren und portionieren zu können, um die eigene Grenze zu schützen, ohne sich dabei mit dem Nachbarland auf ewig zu verfeinden.