Sie haben bestimmte Rechte, die Sie einfordern können, wie etwa keine körperliche Gewalt zu erfahren. Andere Dinge stehen Ihnen nicht zu, wie etwa immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Wiederum andere Bedürfnisse sind Verhandlungsfrage, wie etwa, ob Ihre Freundin und Sie heute Abend ins Kino oder in den Wald gehen. Wie können Sie also entscheiden, welche Bedürfnisse Sie einfordern können und welche nicht?
Natürlich darf man im Rechtstaat nicht morden, im Theater nicht herumschreien, im Zugabteil nicht urinieren und im Kindergarten nicht mit Sand werfen. Wenn man es tut, kommt die entsprechende Autoritätsperson (Polizei, Platzzuweiserin, Schaffnerin oder Erzieher) und es gibt Konsequenzen (Gefängnis, Hausverbot, Ausschluss von der Weiterfahrt oder stille Treppe). Hier scheint also ziemlich klar zu sein, was Sie einfordern können und was ansonsten passiert.
Andererseits können Sie nicht die Polizei rufen, weil Ihr Onkel Sie ständig unterbricht. Auf welcher Grundlage können Sie also einfordern, dass Ihr Onkel Sie ausreden lässt? Vielleicht glauben Sie an ein höheres moralisches Prinzip wie Kants kategorischen Imperativ oder an ein heiliges Buch wie Koran, Tora oder Bibel, aus dem hervorgeht, dass man einander ausreden lassen soll. Aber was, wenn Ihr Onkel sich trotzdem dagegen entscheidet, dem höheren Prinzip oder dem heiligen Buch Folge zu leisten?
Meine Einschätzung ist folgende: Letztlich kann jeder einfordern, was er will, und alle anderen können für sich entscheiden, ob sie sich darauf einlassen wollen oder nicht. Wenn meine Schwägerin fordert, dass wir bei jedem Ihrer Besuche ein Planschbecken mit Champagner füllen, kann ich mich darauf einlassen oder auch nicht. Wenn Sie mir das Ultimatum setzt, ansonsten nie wieder zu Besuch zu kommen, weil sie Ihr Bedürfnis nach einem täglichen Champagner-Bad schützen will, habe ich wieder die freie Wahl, mich darauf einzulassen oder nicht.
Wenn mein Onkel verlangt, mir nach Belieben ins Wort fallen zu dürfen, und auch nach längeren Diskussionen auf dieser Forderung besteht, habe ich erneut die freie Wahl, ob ich mich darauf einlassen will oder nicht. Am Ende sind Sie und Ihr Gegenüber freie Menschen, die selbst entscheiden können, was Sie tun, welche Bedürfnisse Sie befriedigen, welchen Forderungen Sie nachkommen wollen und welchen nicht.
Problematisch wird dieser freie Austausch von Gefälligkeiten natürlich, sobald ein Machtungleichgewicht auftritt. Wenn Sie finanziell abhängig von Ihrer Mutter oder Ihrem Arbeitgeber oder emotional abhängig von Ihrem Partner sind, sind die Druckmittel plötzlich ungleich verteilt. Dann können Sie sich immer noch gegen die Forderung der anderen Person entscheiden, Sie haben immer noch die freie Wahl.
Aber wenn Sie nicht bereit sind, die Konsequenzen zu tragen (Geldentzug, Jobverlust, Liebesentzug), sind Sie in einer prekären Situation. Dann können Sie noch so gut darin sein, Grenzen zu setzen, die realen Machtverhältnisse werden Sie dadurch nicht ändern. Dann stehen Sie aber vor einem anderen Problem als dem, was in diesem Handout besprochen wird.