Mit Kindern sind Sie in einer besonderen Situation, unter anderem weil Sie sich in einer Machtposition befinden und weil Sie häufig (nicht immer!) besser wissen, was gut für Ihr Kind ist. Sie wollen unterschiedliche Dinge gleichzeitig erreichen:
Sie wollen Ihre eigenen Grenzen schützen.
Sie wollen auf die Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen.
Sie wollen, dass Ihr Kind lernt, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, anzuerkennen und auszudrücken.
Sie wollen, dass Ihr Kind lernt, dass andere auch Grenzen und Bedürfnisse haben, und wie es die eigenen Bedürfnisse mit anderen verhandelt.
Sie wollen, was gut für Ihr Kind ist (was nicht immer den unmittelbaren Bedürfnissen des Kindes entspricht).
Offensichtlich ist die Kindererziehung unendlich herausfordernd und komplex und vom Spielfeldrand hat man leicht reden. Dennoch lassen sich aus dem bisher Gesagten einige allgemeine Sätze ableiten.
Kinder können nur eine begrenzte Menge an Grenzen gleichzeitig beachten. Zu viele Grenzen oder Regeln mit vielen Ausnahmen sind eine Überforderung.
Stellen Sie keine unnötigen Regeln auf. Wenn Ihr Kind etwas nicht will (Spinat essen, Geige spielen lernen, Oma einen Kuss geben), sollten Sie dieses Bedürfnis beherzigen. Viele Kinder setzen willkürliche Grenzen, einfach um erste eigene Erfahrungen mit dem Setzen von Grenzen zu machen. Wenn die Grenze des Kindes keine größeren sonstigen Nachteile nach sich zieht, sollten Sie ihm die Grenze zugestehen.
Kinder testen Grenzen mitunter sehr hartnäckig. Bleiben Sie konsequent und verfolgen Sie mit Ihrem Partner dieselben Regeln mit derselben Konsequenz.
Sie können mit Kindern über deren und Ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen sprechen, damit sie lernen, Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und zu verhandeln. Natürlich darf die Diskussion den Entwicklungsstand des Kindes nicht überschreiten.
Auch gibt es im Fall von Grenzen bei Kindern einige Besonderheiten was die Gründe hinter der Vermeidung von Grenzen betrifft:
Vielleicht tun Sie sich mit Grenzen schwer, weil Sie glauben, dass jeder Konflikt mit Ihrem Kind schlecht ist und ein konsequentes „Nein“ mehr seelischen Schaden anrichtet als eine Erziehung ohne klare Grenzen. In diesem Bild hätten Sie als Elternteil versagt, wenn Sie Ihren Schutzbefohlenen das kleinste Leid verursachen würden.
Oder Sie halten es nicht aus, wenn Ihr Kind Sie für Ihre Grenze kurzfristig mit der bedingungslosen Intensität hasst, zu der nur Kinder in der Lage sind. Vielleicht reagieren Sie also allgemein sehr empfindlich auf Liebesentzug und haben Angst, verlassen zu werden, weshalb Sie sich bei Ihrem eigenen Kind besonders schwertun.
Oder Sie haben selbst als Kind schwierige Erfahrungen mit besonders strengen oder gewaltbereiten Erwachsenen gemacht und wollen nicht so sein, wie dieser Erwachsene damals war.
Oder Sie glauben, dass strenge Eltern, die konsequent auf Grenzen pochen, nicht locker und entspannt genug, zu autoritär oder unsouverän sind. Da Sie diese Eigenschaften selbst gern hätten, sehen Sie von konsequenten Regeln ab.
Oder vielleicht denken Sie, da Ihr Kind ein unschuldiges Wesen ist, das ohne größere Vorbelastung auf die Welt kommt, müsste jeder aufkommende Streit Ihre Schuld sein. Die Kehrseite dieses Glaubenssatzes ist: Wenn ich es nur geschickt genug anstelle, ist es möglich, mein Kind ohne jegliche Reibereien und Konflikte zu erziehen.