ACT unterscheidet zwischen Wahrheit eines Gedankens (inhaltliche Korrektheit) und seiner Funktion (Nützlichkeit im aktuellen Kontext).
Ein Gedanke kann wahr, aber unnütz sein (z. B. Grübeln über Kränkung aus Vergangenheit).
Ein Gedanke kann falsch, aber nützlich sein (z. B. Selbstüberschätzung, die Handlungsbereitschaft und Aktivität fördert).
Viele leidvolle Grübelprozesse entstehen durch Fusion mit scheinbar „sinnvollen“ Ursachenanalysen, die faktisch jedoch Vermeidungsverhalten (Intellektualisierung) darstellen.
Daher sollte man neben der Wahrheit immer prüfen: Hilft mir dieser Gedanke, mein Leben in Richtung meiner Ziele und Werte zu bewegen?
Manchmal glauben wir, wir sollten nicht von Gedanken fusionieren, die wahr sind. Stimmt es denn etwa nicht, dass meine Tante Unrecht hatte? Wieso sollte ich aus diesem Film aussteigen wollen? Wäre es nicht besser, mit wahren Gedanken fusioniert zu bleiben, allein aus dem Grund, dass wahre Gedanken gut sind?
Heute geht es um die Unterscheidung zwischen der Wahrheit und der Funktion eines Gedankens. Bei der Wahrheit frage ich: Ist der Inhalt korrekt? Stimmt der Gedanke? Ist es wirklich so, wie der Gedanke behauptet? Bei der Funktion frage ich: Hilft mir der Gedanke weiter? Bringt er mich näher zu meinen Zielen? Nützt mir der Gedanke gerade? Bei der Funktion geht es häufig darum, wozu der Gedanke führt. Die Unterscheidung wird klar, wenn wir uns ein paar Beispiele ansehen.
Es gibt wahre Gedanken, die nicht nützlich sind. Ein Beispiel wäre, wenn ich mich in den Gedanken hineinsteigere, dass meine Tante Unrecht hatte. Das mag zwar stimmen, aber wenn der Gedanke intensive Gefühle von Wut erzeugt, die mich belasten, ist er nicht hilfreich.
Es gibt natürlich auch wahre Gedanken, die nützlich sind. Zum Beispiel, wenn ich daran denke, dass ich später noch die Wäsche machen muss.
Es gibt auch falsche Gedanken, die nützlich sind. Der durchschnittliche Autofahrer hält sich für einen überdurchschnittlichen Autofahrer. Wir neigen dazu, unsere Fähigkeiten zu überschätzen, und das ist im Alltag häufig nützlich, weil wir dann häufiger ins Tun kommen.
Schließlich gibt es falsche Gedanken, die nicht nützlich sind. Zum Beispiel der Gedanke, dass alle bemerken, wie nervös ich gerade bin. Das ist nicht nur falsch, weil viele Leute gar nicht so sehr auf einen achten, wie man glaubt. Es ist auch nicht nützlich, weil ich durch den Gedanken noch nervöser werde.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Funktion eines Gedankens vom Kontext abhängt. Der Gedanke an die Wäsche wird schnell weniger nützlich, wenn ich eigentlich gerade meiner Freundin zuhören will, die mir gerade etwas Belastendes erzählt. Der Gedanke ist der gleiche, aber die Funktion ändert sich, wenn sich der Kontext ändert.
Besonders wichtig wird die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Funktion, wenn wir darüber nachdenken, warum es uns gerade schlecht geht. Das ist ein echter Klassiker unter den Filmen, in denen wir uns verlieren können: Mir geht es schlecht, woran liegt’s? „Ich habe zwar gut geschlafen, aber war trotzdem heute Morgen müde. Vielleicht schlaucht mich der Job doch mehr, als ich dachte. Oder liegt es an der Bemerkung von vorhin? Aber eigentlich war ich vorher schon nicht in Form.“ Und so weiter und so fort. Diese Fusionen können ewig laufen. Depressive Grübelei ist oft nichts Anderes als eine Ursachenanalyse, wieso es einem gerade schlecht geht.
Das Tückische ist, dass wir den Eindruck haben, dabei etwas Nützliches zu tun. Der Gedanke kommt wie ein Wolf im Schafspelz. Es geht mir schlecht, das will ich ändern, also denke ich drüber nach, wie das möglich ist. Vielleicht sind diese Gedanken sogar wahr. Vielleicht habe ich tatsächlich dieses und jenes in der Vergangenheit erlebt und bin dadurch noch heute belastet. (Perfektes Material fürs Freie Schreiben übrigens!) Die Frage nach der Funktion ist aber: Hilft mir dieser Gedanke gerade? Hilft mir die Analyse wirklich weiter? Komme ich zu Ergebnissen, die mein Leben verbessern? Oder verliere ich mich in der Trance meiner Gedanken? Verleitet mich diese Analyse vielleicht sogar zu Vermeidungsverhalten? Lebe ich nur noch in meinem Kopf und in meinem ganz persönlichen Film darüber, wieso es mir schlecht geht und wie sehr ich leide?
Das Nachdenken über die Ursachen für mein Leid kann selbst eine Vermeidungsstrategie sein. Das nennt man in der Psychologie Intellektualisierung. Das bedeutet kurzgesagt, dass wir unangenehme Empfindungen vermeiden, indem wir mit einem Gedanken über die Ursachen der unangenehmen Empfindungen fusionieren. Wenn ich beispielsweise traurig werde, kann dies unangenehm sein. Das unangenehme Gefühl kann ich kurzfristig ausblenden, indem ich mit der Analyse darüber fusioniere, woher diese Traurigkeit kommen könnte. Fusion mit Gedanken ist deshalb eine so effektive Vermeidungsstrategie, weil sie alles andere aus meinem Bewusstsein verdrängt. Und sie ist, wie gesagt, nicht leicht als Vermeidungsstrategie zu erkennen, weil wir in der gedanklichen Analyse den Eindruck haben, zur Lösung unseres Problems beizutragen.
Der menschliche Verstand ist wie der größte Geschichtenerzähler der Welt. Er hört niemals auf zu reden. Er hat immer eine Geschichte parat und wünscht sich nichts lieber, als dass wir zuhören. Er will unsere volle Aufmerksamkeit und um sie zu bekommen, ist ihm jedes Mittel recht. Er ist bereit, alles zu erzählen, selbst wenn es schmerzhaft, gemein oder beängstigend ist. Hauptsache, wir hören zu.
Einige der Geschichten, die er uns erzählt, sind wahr. Diese nennen wir Tatsachen. Bei den allermeisten Geschichten handelt es sich jedoch eher um Meinungen, Überzeugungen, Ideen, Einstellungen, Annahmen, Urteile, Vorhersagen und dergleichen. Es sind Geschichten darüber, wie wir die Welt sehen, was wir tun wollen, was wir für richtig und falsch oder für gerecht und ungerecht halten. Anstatt uns wieder und wieder von diesem Geschichtenerzähler in seinen Bann schlagen zu lassen, können wir etwas anderes lernen: prüfen, ob uns die Geschichte in unserem Leben weiterhilft oder nicht (R. Harris, 2019).