Der histrionische Persönlichkeitsstil (abgeleitet vom lateinischen "histrion" für „Schauspieler“) ist im Kern durch Theatralik, Selbstdarstellung und ein intensives Streben nach Aufmerksamkeit und intensive Gefühle gekennzeichnet.
Im Vergleich zum Narzissmus, bei dem es primär um Leistung und Kompetenz geht, steht beim histrionischen Stil die bloße Beachtung und das „Gesehen-Werden“ im Vordergrund, notfalls auch durch die Darstellung von Schwäche oder Leid.
1. Zentrale Motive
Wichtigkeit: Das Hauptziel ist es, eine bedeutende Rolle im Leben anderer zu spielen und soziale Signale zu erhalten, die bestätigen, dass man wichtig ist.
Solidarität: Histrionische Personen wünschen sich starke Unterstützung, Sicherheit und Geborgenheit durch andere, besonders wenn es ihnen schlecht geht.
2. Selbst- und Beziehungsschemata
Negatives Selbstbild: Oft liegt die tief verankerte Annahme zugrunde: „Ich bin eigentlich nicht wichtig“ oder „Ich werde nur wahrgenommen, wenn ich mich besonders auffällig verhalte“.
Wahrnehmungsfilter: Dieses Schema führt dazu, dass reale Signale von Beachtung oder Unterstützung oft übersehen oder unterschätzt werden, was das Gefühl der Unwichtigkeit paradoxerweise verstärkt.
Beziehungserwartung: Es besteht oft die Befürchtung, in Beziehungen ignoriert oder nicht ernst genommen zu werden.
3. Interaktionsmuster
Hohe Erwartungen: Histrionische Personen stellen oft den Anspruch, dass Interaktionspartner ihnen uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenken.
Telepathieannahme: Sie gehen häufig davon aus, dass andere ihre Bedürfnisse und Regeln kennen sollten, ohne dass diese explizit ausgesprochen werden müssen.
Affektives Strohfeuer: Emotionen flammen oft sehr schnell und intensiv auf (z. B. als heftiger Ärger bei mangelnder Beachtung), klingen aber meist ebenso schnell wieder ab.
4. Manipulative Strategien
Um Aufmerksamkeit zu sichern, werden verschiedene Strategien eingesetzt:
Positivstrategien (Strategien, von denen andere einen Nutzen haben): Dazu gehören unterhaltsames Geschichtenerzählen (wobei oft Details hinzugedichtet oder übertrieben werden), ein extravaganter Stil oder Flirten.
Negativstrategien (Strategien, die anderen Kosten verursachen): Diese sind zwingender und beinhalten ständiges Nörgeln, das Demonstrieren von Kränkung oder das Aggravieren (Verschlimmern) von Krankheitssymptomen, um Zuwendung zu erzwingen.
5. Ressourcen und Kosten
Ressourcen: Histrioniker sind oft kreativ, spontan, unkonventionell und hervorragende Unterhalter, die Schwung in soziale Situationen bringen können.
Kosten: Der ständige Druck, Aufmerksamkeit zu generieren, ist extrem anstrengend. Zudem besteht das Risiko einer Entfremdung von eigenen authentischen Bedürfnissen. Wenn die Manipulation überhandnimmt, können sich Mitmenschen genervt abwenden, was im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung zur gefürchteten Vereinsamung führt.