Menschen bestehen aus mehreren psychischen Anteilen, die je nach Situation, Beziehung oder Stimmung unterschiedlich stark „das Steuer übernehmen“ und das Verhalten prägen.
Diese inneren Anteile sind flexibel und funktional. Psychisches Wohlergehen hängt eher von Koordination und innerer Harmonie als von Einheitlichkeit ab.
Die Arbeit mit Anteilen lässt sich in ACT als Form von Akzeptanz verstehen: Gefühle und die damit verbundenen inneren Stimmen werden wahrgenommen statt unterdrückt.
EinMangel an Authentizität entsteht oft dadurch, dass bestimmte Gefühle und zugehörige Anteile nicht zugelassen werden, wodurch eine Diskrepanz zwischen innerem Erleben und äußerem Verhalten entsteht.
Unterdrückung von Anteilen kann situativ sinnvoll sein, wird jedoch problematisch, wenn sie chronisch wird. Ziel ist daher flexible, kontextabhängige Integration statt dauerhafter Vermeidung.
Das Konzept der inneren Anteile, um das es in diesem Abschnitt geht, kommt streng genommen nicht aus ACT, ist aber eine gute Ergänzung. Vermutlich kennen Sie folgende Beobachtung: Wenn Sie mit Ihren Kolleginnen reden, sind Sie jemand anderes, als wenn Sie mit Ihren Eltern. Wenn Sie im Supermarkt mit dem Kassierer reden, kommt ein anderer Teil Ihrer Persönlichkeit zum Vorschein, als wenn Sie mit ihrem Partner reden. Das Gleiche passiert bei verschiedenen Stimmungen.
Wenn Sie gut gelaunt sind, sind sie jemand anderes, als wenn Sie wütend oder traurig sind. Das hat nichts mit gespaltener Persönlichkeit zu tun, sondern ist ganz normal. Sie tragen mehrere sogenannte psychische Anteile in sich und je nach Situation, Gesprächspartner, Gefühl oder äußerer Anforderung tritt ein anderer Anteil in den Vordergrund und übernimmt das Steuer. Dass diese Anteile fließend wechseln können, macht Sie flexibel, um auf unterschiedliche Situationen zu reagieren.
Diese psychischen Anteile verhalten sich zueinander wie die Mitglieder einer Familie oder eines inneren Teams (Schulz von Thun, 2023). Sie können mal besser, mal schlechter harmonieren. Manche Anteile haben höhere Redeanteile als andere, die einen Anteile können sich schützend vor andere verletzte Anteile stellen und im Extremfall können manche Anteile aus der Gruppe ausgeschlossen werden.
Psychische Anteile kommen in sehr vielen religiösen, künstlerischen und therapeutischen Traditionen vor (Fadiman & Gruber, 2020). Die meisten dieser Traditionen sind sich aber einig, dass psychische Gesundheit entsteht, wenn Harmonie zwischen den psychischen Anteilen herrscht. Diese Harmonie können Sie fördern, indem Sie bestimmte Anteile gezielt ansprechen.
Es mag zunächst ein wenig verrückt erscheinen, Teile der eigenen Psyche als ein eigenständiges Gegenüber mit eigenen Zielen und Bedürfnissen zu behandeln, aber geben Sie dem Ganzen eine Chance. Bei den meisten Menschen funktioniert es erstaunlich gut.
Die Arbeit mit Anteilen ist in den Begriffen von ACT eine Form von Akzeptanz. Wenn Sie unliebsame Gefühle nach Ihren Bedürfnissen oder Wünschen fragen und auf die Antwort in Ihrem Körper lauschen, zeigen Sie die Bereitschaft, Ihre Gefühle so zu fühlen, wie sie sich von sich aus zeigen.
Wer authentisch ist, ist er selbst. Aber wer ist man, wenn man nicht man selbst ist? Und was hat Authentizität mit ACT zu tun? Jeder von uns kennt Momente von sich, in denen er sich falsch oder unaufrichtig vorkommt oder sich mehr oder weniger verstellt. Was passiert hierbei genau? Ich würde folgenden Vorschlag machen: Immer, wenn jemand unauthentisch ist, gibt es ein Gefühl, das nicht zum Vorschein kommen darf. Mit jedem Gefühl ist aber immer auch ein psychischer Anteil verknüpft. Das heißt, wenn das Gefühl nicht zum Vorschein kommen darf, darf auch der entsprechende Anteil nicht zum Vorschein kommen. Hinter den Kulissen geht das eine vor, auf der Bühne wird aber etwas völlig anderes gezeigt.
Das hängt direkt mit Akzeptanz zusammen. Wenn wir unauthentisch sind, gibt es ein Gefühl, das wir nicht zulassen. Die Frage ist an dieser Stelle: Muss man denn immer authentisch sein? Ich würde sagen, wie bei allen Vermeidungsstrategien kann auch Verstellung kurzfristig manchmal die richtige Wahl sein. Wenn wir eigentlich schlecht gelaunt sind, ist es wahrscheinlich die richtige Entscheidung, dieses Gefühl an der Supermarktkasse kurz zu verbergen und einfach höflich zu sein.
Gefühle kurzfristig zu unterdrücken, um den sozialen Erwartungen der Situation zu entsprechen, gehört zum Leben in Gesellschaft dazu. Problematisch wird diese Vermeidung erst, wenn sie zum Dauerzustand wird oder auch mit meiner Familie oder in meinen Freundschaften auftritt. Unser Ideal sollte nicht sein, dass jedes Gefühl und jeder Anteil immer und überall auf seine Kosten kommen soll ganz egal, was um uns herum passiert. Sondern eher, dass dies irgendwann und in ausreichendem Maße passiert.