Leiden und Sinn sind zwei Seiten derselben Sache. Jemand, der mit Depressionen kämpft, ist sehr wahrscheinlich jemand, der sich danach sehnt, alles zu fühlen. Eine sozial ängstliche Person ist sehr wahrscheinlich eine Person, die sich danach sehnt, Verbindungen mit anderen einzugehen. Man leidet dort, wo einem etwas wichtig ist und wenn einem etwas wichtig ist, leidet man.[1] (Hayes, 2019)
Bisher haben wir Leid als etwas betrachtet, das entweder ein unvermeidbarer Bestandteil unseres Lebens ist (primäres Leid) oder durch Vermeidungsstrategien entsteht (sekundäres Leid). Tatsächlich können wir unser Leid aber auch nutzen, um unsere eigenen Werte besser zu erkennen.
Stellen Sie sich vor, Sie spielen gedanklich immer wieder einen Streit mit Ihrer Schwester ab und werden wütend. Was müsste Ihnen egal sein, damit die Situation Sie kalt lässt? Am Leitfaden dieser Frage finden Sie von Ihren Leiden zu Ihren Werten. Vielleicht müsste es Ihnen egal sein, ob man respektvoll mit Ihnen spricht oder ob Erbangelegenheiten vernünftig geregelt werden. Vielleicht müsste Ihnen egal sein, ob Sie Ihre eigenen Kinder selbstbestimmt erziehen oder nicht. Dahinter können dann wieder allgemeinere Werte stehen wie Gerechtigkeit oder Autonomie.
Wieso können wir durch unsere Leiden zu unseren Werten gelangen? Werte bestimmen, was mir wichtig ist und wie die Welt aus meiner Sicht sein soll. Leid entsteht dann, wenn die Welt nicht so ist, wie sie sein soll. Leiden deuten also immer auf eine Abweichung des Ist-Zustands vom Soll-Zustand hin. Also kann ich alle Leiden näher betrachten und dann den dahinterstehenden Soll-Zustand erkennen. Und dann ist es zu meinen Werten nur noch ein kleiner Schritt.
Jemand, dem alles egal und nichts wichtig wäre, jemand, der keine Werte hätte, würde also auch nicht leiden. Ich denke nicht, dass es eine solche Person geben könnte. Wer seine Werte nicht kennt, hat keinen Kompass im Leben und keine Orientierung und empfindet diesen Zustand als sehr leidvoll. Alles als sinnlos zu empfinden ist nicht zufällig eines der zentralen Symptome der Depression.
Es gibt aber auch Menschen, die ihre moralische Gleichgültigkeit demonstrativ zur Schau stellen. Dieser Zynismus kann aber selbst ein Vermeidungsmechanismus sein. Eigentlich liegen ganz viele Dinge im Argen und weichen ganz gehörig von meinen Idealen ab, aber diese Abweichung ist so schmerzhaft, dass ich lieber vor mit und anderen so tue, als hätte ich keine Ideale. Ich verleugne meine Werte, um nicht an der Abweichung der Welt von meinen Werten zu leiden.
Hinter jedem Zyniker steckt ein enttäuschter Idealist. [2] (George Carlin)
Dies ist auch der Grund, wieso Wertearbeit schmerzhaft sein kann. In dem Moment, in dem wir uns die Werte bewusst machen, machen wir uns auch die Abweichung bewusst und das kann wehtun. Durch die heutige Reflexion können Sie genau diese Schmerzen nutzen, um mehr über sich und Ihre Werte zu erfahren.
Reflexion: Die Werte hinter den Leiden
Zitate im Original:
[1] “Pain and purpose are two sides of the same thing. A person struggling with depression is very likely a person yearning to feel fully. A socially anxious person is very likely a person yearning to connect with others. You hurt where you care, and you care where you hurt.”
[2] “If you scratch a cynic, you’ll find a disappointed idealist.”