Spirituelle Vermeidung bezeichnet den Einsatz religiöser oder spiritueller Überzeugungen bzw. Praktiken, um unangenehme Gefühle zu vermeiden oder wertegeleitetes Handeln zu umgehen.
ACT nimmt eine pragmatische Haltung gegenüber Religion und Spiritualität ein: Hilfreich ist alles, was Akzeptanz und werteorientiertes Handeln unterstützt.
Problematisch wird Spiritualität, wenn sie als Begründung dient, sich nicht abzugrenzen oder eigene Bedürfnisse und Grenzen dauerhaft zu ignorieren.
Der Begriff Spirituelle Vermeidung (engl. spiritual bypassing) bezeichnet einen bestimmten Vermeidungsmechanismus, in dem religiöse oder spirituelle Glaubensinhalte oder Techniken benutzt werden, um unangenehme Empfindungen zu vermeiden oder bestimmte Handlungen nicht ausführen zu müssen (Welwood, 2024). Wenn Sie nicht religiös sind oder sich keiner spirituellen Tradition zurechnen, können Sie dieses Kapitel getrost überspringen.
Vorweg sei gesagt: ACT ist nicht an sich gegen Religion oder Spiritualität. ACT ist mit den allermeisten religiösen oder spirituellen Weltanschauungen vollkommen vereinbar. Wenn eine bestimmte Technik oder ein bestimmter Glaubensinhalt dabei hilft, mehr Akzeptanz zu üben oder häufiger wertegeleitet zu handeln, ist dies vollkommen im Sinne von ACT. Spirituelle Vermeidung bezieht sich nur auf die Aspekte, wo wir uns von einer wertegeleiteten Handlung abbringen lassen.
Im Christentum tritt Spirituelle Vermeidung oft beim Thema Abgrenzung auf. Wenn meine Grenzen verletzt werden, kann das christliche Ideal, dem Täter die andere Wange zu bieten, dazu führen, dass ich nicht für mich einstehe. Die eigenen Grenzen zu wahren, fällt vielen Menschen mit einer psychischen Diagnose sehr schwer und ist oft eine der wichtigsten Ursachen für ihre psychische Belastung. Natürlich ist es ein ehrenwertes Ideal, keine blinde Rache zu üben. Aber wenn es mich davon abhält, wichtige Veränderungen in meinem Leben durch wertegeleitetes Handeln umzusetzen, handelt es sich um spirituelle Vermeidung.
Auch Positionen wie die, dass die Welt nicht real oder das Selbst eine Illusion ist, mögen im Kontext ihrer jeweiligen Tradition eine sinnvolle Funktion haben. Wenn die Fusion mit diesen Gedanken jedoch dazu führt, dass bestimmte Gefühle nicht gefühlt werden (da sie ohnehin illusionär seien), handelt es sich um eine Form von Spiritueller Vermeidung, die aus ACT-Perspektive mit Skepsis zu betrachten sind.
Wenn ich dagegen der Auffassung bin, dass die Welt nur ein letztlich bedeutungsloser kosmischer Tanz ist, ist es aus meiner Perspektive vollkommen gleichgültig, wie ich mich verhalte, weil keine Handlung sinnvoller ist als eine andere. Diese spirituell aufgeladene Gleichgültigkeit kann die Funktion haben, meine eigenen Werte zu verleugnen, um nicht an den Abweichungen von diesen Werten zu leiden. Ich tue, mit anderen Worten, so, als sei ohnehin alles egal, um nicht an den Missständen in meinem eigenen Leben zu leiden.