In der Verhaltenstherapie werden drei Ebenen des Denkens unterschieden: automatische Gedanken, zugrundeliegende Annahmen und darunter liegende, sehr allgemeine Glaubenssätze (Schemata).
Diese Ebenen bilden eine Hierarchie: Glaubenssätze sind die tiefsten, allgemeinsten Überzeugungen, aus denen Annahmen und schließlich konkrete automatische Gedanken abgeleitet sind.
Psychische Probleme lassen sich oft als Ergebnis solcher Grundüberzeugungen verstehen, die wie ein „Wurzelwerk“ wirken und nicht nur durch das Bearbeiten einzelner automatischer Gedanken verändert werden können.
Glaubenssätze entstehen häufig früh im Leben, sind aber im Erwachsenenalter oft nicht mehr angemessen. Ihre Veränderung gelingt vor allem durch wiederholte Erfahrung und Verhaltensexperimente statt durch reine Argumentation.
Ziel der Veränderung ist keine unrealistische Positivumkehr, sondern eine realistische Erweiterung von Überzeugungen, die durch konkrete Handlungen, wiederholte Verhaltensexperimente und Reflexion stabilisiert wird.
Im letzten Kapitel haben wir zwei gedankliche Ebenen voneinander unterschieden. Einerseits automatische Gedanken, also die Sätze, Bilder, Erinnerungen und so weiter, die uns ungefragt in einer konkreten Situation kommen, und zweitens zugrundeliegende Annahmen, also allgemeinere Überzeugungen mit einer Wenn-dann-Struktur, die häufig bestimmen, wie ich glaube, mich in einer Situation verhalten zu müssen, und allgemeine Interpretationen von Situationen liefern. In der Verhaltenstherapie wird jedoch noch eine dritte Ebene unterschieden, nämlich die Ebene der Glaubenssätze oder fachsprachlich: Schemata.
Die Ebene der Glaubenssätze ist die allgemeinste Ebene unseres Denkens. Hier finden sich möglichst allgemeine Überzeugungen, zum Beispiel, "Ich bin wertlos" oder "Die Welt ist gefährlich". Zugrundeliegende Annahmen können als abgeleitete Regeln und Erwartungen aus diesen Glaubenssätzen verstanden werden. Man kann sich das wie eine hierarchische Pyramide vorstellen. Oben an der Spitze stehen allgemeine Glaubenssätze, in der Mitte stehen zugrundeliegende Annahmen, die schon etwas spezifischer sind und Informationen darüber enthalten, wie ich mich in einer Situation zu verhalten habe. Und ganz unten stehen die automatischen Gedanken, so wie sie sich in einer konkreten Situation zeigen.
Man kann sich das Verhältnis von automatischen Gedanken auf der einen Seite und zugrundeliegenden Annahmen und Glaubenssätzen auf der anderen Seite ein bisschen so vorstellen wie das Verhältnis von sichtbarem Unkraut und ihrem Wurzelwerk. Jede Gärtnerin weiß, es reicht nicht aus, Unkraut einfach abzuschneiden oder abzumähen, sondern man muss das sprichwörtliche Übel an der Wurzel packen. Ebenso verhält es sich auch in der Verhaltenstherapie. Es reicht nicht, oft nicht aus, automatische Gedanken zu verändern, sondern die zugrunde liegenden Annahmen bzw. Glaubenssätze selbst müssen sich ändern, weil sie die Wurzel der schwierigen Gedanken darstellen.
Glaubenssätze betreffen häufig einen selbst, andere Menschen, die Welt oder die Zukunft. Häufig entwickeln sich diese Glaubenssätze in der Kindheit im Kontakt mit den Eltern. Oftmals waren diese Glaubenssätze einmal sinnvolle Interpretationen für die Welt, in der das Kind aufgewachsen ist, wirken sich dann aber im Erwachsenenalter hinderlich aus.
Wie bei den zugrunde liegenden Annahmen reicht es auch hier häufig nicht aus, den Glaubenssatz einmalig durch ein rationales Argument zu widerlegen, sonst wäre Psychotherapie in vielen Fällen eine sehr kurze Angelegenheit. Vielmehr ist es notwendig, den Glaubenssatz durch eigene Erfahrung wieder und wieder auf die Probe zu stellen und so langsam zu erweitern, wie wir im Abschnitt zu Verhaltensexperimenten gesehen haben.
Das Ziel besteht hierbei nicht darin, einen gegensätzlichen Glaubenssatz zu etablieren, zum Beispiel den Glaubenssatz, "Ich bin nichts wert", durch den Glaubenssatz, "Ich bin der wertvollste Mensch der Welt" zu ersetzen, sondern ihn auf realistische Art und Weise zu erweitern. Sonst wäre er nicht plausibel. Diese kognitive Umstrukturierung dauert mehrere Monate und erfordert kontinuierliche Übungen und Wiederholungen. Kognitive Umstrukturierung ist also keine einmalige Hauruckaktion, sondern der stete Tropfen höhlt den Stein.
Um von automatischen Gedanken zu zugrundeliegenden Annahmen und schließlich zu Glaubenssätzen zu gelangen, kann man die sogenannte Downward Arrow Methode benutzen. Man nimmt also einen bestimmten automatischen Gedanken und fragt dann:
Wenn dieser Gedanke wahr wäre, was würde das über mich aussagen?
Was würde das über andere aussagen?
Was würde das über die Welt aussagen?
Was wäre daran so schlimm?
Besonders die letzte Frage "Was wäre daran so schlimm?" kann man bei jeder Antwort erneut stellen:
"Bei der Präsentation werde ich mich bestimmt versprechen."
Was wäre daran so schlimm?
"„Die anderen würden merken, dass ich nervös bin.“
Und wenn sie das merken?
„Dann denken sie, dass ich inkompetent bin.“
Und wenn sie das denken?
„Dann respektieren sie mich nicht.“
Und wenn sie mich nicht respektieren?
„Dann bin ich nichts wert.“
Wenn ich bei dieser Forschung zu einem Resultat komme, ist dies wahrscheinlich ein Glaubenssatz, in diesem Fall "Ich bin nichts wert". Oftmals ist es aber mit einer einmaligen Frage nicht getan, sondern Glaubenssätze müssen in mühsamer Kleinstarbeit freigelegt werden wie Fossile durch Archäologinnen. Sobald diese Glaubenssätze identifiziert wurden, können durch rationales Nachdenken angemessenere und ausgewogenere Glaubenssätze formuliert werden und diese wiederum können dann durch gezielte Verhaltensexperimente, durch die Erfahrung, die man im Alltag macht, gestützt werden, bis man sie auch tatsächlich glaubt.
Durchsetzungsfähigkeit als Beispiel: Hat jemand Schwierigkeiten, eigene Bedürfnisse durchzusetzen, steckt immer zurück und wahrt die eigenen Grenzen nicht, kann dies zu vielen unterschiedlichen psychischen Schwierigkeiten führen. Diesem Verhalten können unterschiedliche Glaubenssätze zugrundeliegen. Zum Beispiel "Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig als die Bedürfnisse der anderen" oder "Konflikte sind schlecht" oder "Ich muss Harmonie um jeden Preis bewahren".
Alternative und ausgewogenere Überzeugungen könnten sein "Meine Bedürfnisse sind wichtig, Konflikte sind manchmal unvermeidbar. Wenn ich meine Bedürfnisse klar kommuniziere und für sie einstehe, hilft das nicht nur mir, sondern oft auch meinem Gesprächspartner."
Diese neuen alternativen Sichtweisen müssen jetzt in der Handlung selber auf die Probe gestellt werden, nämlich durch Verhaltensexperimente. Ich könnte also zum Beispiel ausprobieren, wie es ist, eigene Wünsche klar zu äußern oder Widersprüche auszudrücken oder in ausgewählten Situationen den eigenen Bedürfnissen den Vorzug zu geben.
Meine zugrundeliegende Annahme wäre vielleicht "Wenn ich mein Bedürfnis äußere, dann werde ich von anderen verbal angegangen und das kann ich nicht aushalten". Oder "Wenn wir einen Konflikt haben, dann ist die Stimmung auf immer verdorben". Im Verhaltensexperiment zeigt sich vielleicht tatsächlich, dass die Äußerung meiner Bedürfnisse auf Widerstand stößt, doch ich mache die gegensätzliche Erfahrung, dass ich diese Spannung aushalten kann und die Beziehung langfristig offener und ehrlicher wird.
Damit sich diese neue Erkenntnis verfestigt, muss ich diese Erfahrung wahrscheinlich wiederholt machen. Wie gesagt, ist diese schrittweise Widerlegung überkommener Glaubenssätze umso effektiver, je systematischer ich sie durchführe, und hierzu kann es sehr hilfreich sein, die Ergebnisse dieser Experimente schriftlich nachzuhalten. Auch wenn sich viele Erwartungen und Vorhersagen über die Welt als wahr erweisen, besteht doch meistens die Möglichkeit, über sich selbst zu lernen, dass man mit Schwierigkeiten, Konflikten und Spannungen und mit schwierigen Gefühlen aller Art gut klarkommen kann und weiterhin handlungsfähig bleibt.