Es gibt unvermeidbares, „primäres“ Leid, das zum Menschsein gehört (z. B. Verlust, Krankheit, Konflikte) und nicht dauerhaft abgeschafft werden kann.
Zusätzlich entsteht „sekundäres Leid“ durch unsere Vermeidungsstrategien gegen dieses primäre Leid entsteht (z. B. Unterdrückung, Rückzug, Konfliktvermeidung).
Sekundäres Leid ist oft vermeidbares Zusatzleid, das durch den Versuch entsteht, Gefühle oder Situationen nicht erleben zu müssen.
Evolutionär bedingt bleiben unangenehme Gedanken und Gefühle bestehen, weil sie einst Überlebensfunktionen hatten. Die vollständige Kontrolle darüber ist daher nicht möglich.
ACT zielt darauf ab, primäres Leid zu akzeptieren und sekundäres Leid zu reduzieren, indem wir weniger vermeiden und stattdessen werteorientiert handeln.
„Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.“ – Kafka
Manche Leiden gehören zum Leben dazu. Das muss ich Ihnen nicht erst erzählen. Diese Wahrheit ist simpel und offensichtlich. Wir altern, werden krank, werden verlassen, verlieren Dinge und Menschen, die uns lieb und teuer sind, und schließlich sterben wir. Und das ist noch nicht einmal die vollständige Liste. An dieser Stelle will ich noch einmal etwas genauer hinsehen, was das mit ACT und Akzeptanz zu tun hat.
Mir geht es in diesem Kapitel um eine wichtige Unterscheidung. Wenn wir die Gesamtheit unseres Leids betrachten, das wir im Laufe unseres Lebens spüren, gibt es auf der einen Seite unvermeidbares Leid. Dieses Leid will ich primäres Leid nennen. Das sind Dinge, die zum Menschsein einfach dazugehören. Auf der anderen Seite versuchen wir durch diverse Vermeidungsstrategien, unser primäres Leid nicht spüren zu müssen. Dies haben wir im letzten Kapitel gesehen. Diese Vermeidungsstrategien haben selbst wie gesagt wiederum bedeutende Kosten, die ich sekundäres Leid nennen will. Manchmal spricht man im Kontext von ACT auch von „sauberem Leid“ (clean pain) und „dreckigem Leid“ (dirty pain).
Hierzu ein Beispiel: Wenn mich in meiner Partnerschaft irgendein Verhalten stört, ich aber Angst vor Konfliktsituationen habe, kann ich den Konflikt vermeiden, meinen Ärger runterschlucken und das Verhalten stillschweigend über mich ergehen lassen. Mein Schweigen ist eine Vermeidungsstrategie: Ich tue bzw. unterlasse etwas, um bestimmte Gefühle und Gedanken oder Situationen (den Streit) zu vermeiden. Dadurch habe ich bestimmte Kosten: Ich muss das Verhalten weiter ertragen, ich ärgere mich wahrscheinlich insgeheim darüber und ich denke viel über das Verhalten nach. Wenn ich mit meinen Freunden spreche, beschwere ich mich über das Verhalten, anstatt mich für meine Freunde zu interessieren und so weiter. Dies sind sekundäre Leiden, die durch meine Konfliktvermeidung entstehen. Die Alternative zur Vermeidung wäre, das Verhalten anzusprechen und einen Konflikt zu riskieren. Das ist unangenehm, aber diese Leiden sind primär. Es sind Leiden, die in jeder Partnerschaft entstehen, wenn unterschiedliche Menschen wieder und wieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen müssen.
Der springende Punkt bei der Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Leid ist, dass wir am primären Leid nicht viel ändern können. Allein dadurch, dass wir Menschen sind, haben wir oft unangenehme oder schmerzhafte Gedanken und Gefühle. Diese Tatsache lässt sich teilweise daraus erklären, dass sich unser Hirn evolutionär entwickelt hat, damit wir überleben. Das Hirn hat sich nicht entwickelt, damit wir glücklich sind oder uns wohlfühlen. Wer ängstlich ist, ist auf der Hut und wird seltener gefressen. Wer den Hals nicht vollkriegt, beschafft sich mehr, als er braucht, und überlebt dadurch Phasen der Knappheit mit höherer Wahrscheinlichkeit. Wer ständig unzufrieden ist, ist motiviert, seine Umstände beständig zu bessern und ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. All diese Überlebensstrategien funktionieren aber nur dadurch, dass wir unangenehme Gefühle haben, die uns motivieren. Dadurch hat unsere Spezies Millionen von Jahren überlebt. Und das ist auch der Grund, wieso wir unsere unangenehmen Gefühle und Gedanken nicht vollständig abschaffen können. Die primären Leiden bleiben, egal, was wir tun.
Was genau hat das mit ACT zu tun? Akzeptanz bezieht sich auf primäre Leiden. Genau wie es im Gelassenheitsgebet heißt: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann“. Und für sekundäre Leiden brauche ich den „Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann“. Und die Weisheit, beides zu unterscheiden? Dafür kann ich Ihnen leider keine allgemeingültige Antwort geben. Erfahrungsgemäß ist es eher so, je länger wir ACT machen, desto besser können wir primäre von sekundären Leiden unterscheiden und desto wirksamer können wir ACT anwenden.