Für ein korrektes Verständnis problematischer Situationen müssen die fünf Faktoren (Gedanken, Gefühle, Verhalten, Körperreaktionen, Situation) klar voneinander getrennt betrachtet werden.
Im Alltag werden Gedanken und Gefühle häufig vermischt („Ich hatte das Gefühl, dass…“), was für unsere Zwecke ungenau ist.
Gefühle lassen sich meist mit einzelnen Emotionswörtern (z. B. Angst, Trauer), Gedanken dagegen als innere Sätze oder Bilder beschreiben.
Körperliche Reaktionen dienen oft als Hinweise zur Identifikation von Gefühlen, die auch gleichzeitig auftreten können.
Die präzise Erkennung von Gefühlen hilft bei Problemerkennung und Fortschrittsmessung in der KVT.
Um problematische Situationen zu ändern, muss ich sie zunächst verstehen. Und um sie zu verstehen, muss ich die Faktoren auseinanderhalten, die in der Situation vorliegen. Das gilt auch für Gefühle, um die es in diesem Kapitel geht.
Insbesondere müssen Gefühle von Gedanken unterschieden werden. Wir sagen häufig umgangssprachlich “Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht leiden kann.” oder “Ich hatte das Gefühl, dass ich mich vor allen zum Affen mache.” Wir wissen zwar direkt, was jemand meint, der so spricht, doch für die Zwecke dieses Kurses müssen wir noch weiter ins Detail gehen. Streng genommen liegen in solchen Situationen immer mehrere Faktoren vor, nicht bloß das Gefühl. Ich hatte zum Beispiel ein Gefühl der Scham oder Angst und dabei kam mir der Gedanke “Der kann mich nicht leiden”, während ich gleichzeitig schwitzige Hände bekommen habe (körperliche Reaktionen) und nervös Small-Talk gemacht habe (Verhalten).
Diese Verwechslung oder Vermischung von Gedanken und Gefühlen (und anderen Faktoren) ist typisch und es bedarf einiger Übung, beides getrennt zu beobachten. Gefühle lassen sich häufig mit einem einzigen Wort bezeichnen, wie zum Beispiel “traurig, nervös oder wütend”, und Gedanken sind eher wie innere Sätze oder Bilder, wie zum Beispiel, “Ich bin nicht gut genug” oder ein kurz aufflackerndes Bild von einer Situation, in der ich versagt habe.
Häufig kann es hilfreich sein, Körperreaktionen als Indikatoren von Gefühlen zu nutzen und zum Beispiel von den verspannten Schultern auf die Angst zu schließen oder von einem schweren Gefühl in der Bauchgegend auf die Traurigkeit. Gefühle zu erkennen, wird zusätzlich dadurch erschwert, dass mehrere Gefühle gleichzeitig auftreten können. Ich kann zum Beispiel gleichzeitig traurig und ängstlich sein.
Wenn ich in der Lage bin, Gefühle gut zu erkennen, hilft mir das in zwei Hinsichten weiter. Erstens kann ich wichtige oder problematische Situationen schneller erkennen. Zweitens kann ich meine eigenen Therapiefortschritte sichtbarer machen. Wenn mein Ziel zum Beispiel darin besteht, meine Depression zu überwinden, dann kann ich den Fortschritt bei der Erreichung dieses Ziels daran bemessen, wie häufig das Gefühl der Traurigkeit auftaucht. (Dies steht im Gegensatz zur Akzeptanz- und Commitment-Therapie, wo das Therapieziel immer darin besteht, bestimmte wertegeleitete Handlungen auszuführen obwohl ich z. B. traurig bin.)