Diese Übung knüpft an die Anteilsarbeit von Tag 12 an. Der psychische Anteil, den die meisten Leute konkret benennen können, ist der sogenannte innere Kritiker. Dieser Anteil verurteilt uns und andere oder stellt Forderungen, dass bestimmte Leistungen erbracht oder gewisse Standards eingehalten werden müssen. Eine Möglichkeit, von den Gedanken zu defusionieren, die der Kritiker erzeugt, besteht darin, ihn sich als fiktiven Charakter vorzustellen. Wenn wir möglichst viele Assoziationen haben und alle Sinne in unsere Vorstellung einbeziehen, merken wir schneller, wann der Kritiker das Steuer übernimmt. Dadurch können wir schneller defusionieren.
Wenn Ihr innerer Kritiker einen Namen hätte, wie hieße er?
Wie sähe er aus? Was ist das für ein Typ, der Sie da Tag für Tag tyrannisiert?
Wie klingt seine Stimme?
Wo befindet er sich?
Wie ist er gekleidet?
Nehmen Sie sich einen Moment, schließen Sie die Augen, spüren Sie in sich hinein und versuchen Sie, sich Ihren inneren Kritiker möglichst genau vorzustellen. Beziehen Sie dabei möglichst viele Sinne ein. Ich stelle mir meinen inneren Kritiker beispielsweise als einen preußischen Offizier in Uniform vor, der unter dem wolkenbehangenen Himmel Brandenburgs auf einem Kasernenhof steht und Befehle brüllt. Sie können Ihrer Kreativität jedoch freien Lauf lassen. Die Idee hinter der Übung ist, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie bemerken, dass Ihnen abwertende Gedanken über sich oder jemand anderen kommen, schnell an die Figur des Kritikers denken. Dann können Sie ihm diese Gedanken gewissermaßen in den Mund legen. Wenn Ihnen dies gelingt, sind Sie bereits defusioniert.
Übrigens: Wenn Sie merken, dass die Übung für Sie gut funktioniert, zögern Sie nicht, sie auch bei anderen Anteilen anzuwenden. Wie sieht etwa der Anteil aus, der auch bei kleinen Anlässen schnell Katastrophen-Szenarien entwirft? Oder was ist das für ein Charakter, der da wieder und wieder behauptet, dass Sie sich nichts Schönes gönnen dürfen? Überlegen Sie selbst, aus welchen Charakteren Ihr inneres Team besteht, und experimentieren Sie ein wenig, welche Bilder und Ideen passen und welche nicht.
Vergessen Sie aber nicht, dass alle Anteile zu Ihrer Psyche und also zu Ihnen gehören. Wenn Sie sich gegen einen Anteil richten, ihn abwerten, verspotten oder Groll gegen ihn hegen, richten Sie sich gegen einen Teil Ihrer selbst. Das Ziel der Übung ist nicht, ein Feindbild zu errichten, an dem sie Ihren Frust auslassen können. Außerdem ist es so, dass alle Anteile, so problematisch sie auch sind, immer auch Fähigkeiten haben, die andere Anteile nicht haben und auf die Sie angewiesen sind. Der innere Kritiker zum Beispiel mag Sie mit seiner fordernden Art oft quälen, ist aber in stressigen Phasen, in denen Sie viel schaffen müssen, ein unverzichtbarer Antreiber.