Persönlichkeitsstile sind stabile Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, die unser soziales Miteinander prägen und oft unbewusst wirken.
Jeder Stil hat Vor- und Nachteile. Ihn zu kennen hilft dabei, eigene Stärken gezielt zu nutzen und typische Probleme besser zu verstehen.
Persönlichkeitsstile beeinflussen unsere Gedanken, Gefühle, Werte und Wahrnehmungen, also genau die Prozesse, mit denen ACT arbeitet.
Persönlichkeitsstile können zu Leidensdruck oder Einschränkungen im wertegeleiteten Handeln führen, müssen aber nicht automatisch eine Störung bedeuten.
Wer seinen eigenen Stil erkennt, kann ACT-Techniken gezielter anwenden, innere Konflikte besser verstehen und flexibler auf sich selbst und andere reagieren.
Zum Abschluss des Kurses würde ich gern auf ein Thema zu sprechen kommen, das zwar nicht Teil von ACT ist, unsere ACT-Praxis aber auf sehr tiefgreifende Weise erweitern und bereichern kann: Persönlichkeitsstile.
Rainer Sachse fasst Persönlichkeitsstile als Interaktionsstile auf, also als Muster, die sich im sozialen Miteinander zeigen (Sachse, 2019b, 2019a). Diese Muster entstehen in der Jugend, bleiben ein Leben lang sehr stabil und sind uns selbst oft nicht bewusst. Unser eigener Stil ist uns so selbstverständlich, so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Es ist wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen und die unsere Wahrnehmung der Welt verändert. Wir blenden die Brille aus und sehen nur noch die Welt. Seinen Persönlichkeitsstil kennen heißt, die Brille abzunehmen und uns bewusst zu werden, wie sie unsere Sicht auf die Welt verändert.
Dabei hat jeder Still gewisse Vor- und Nachteile. Seinen eigenen Stil zu kennen, ermöglicht es uns, die Vorteile des Stils bestmöglich auszunutzen und die Nachteile nach Möglichkeit abzumildern. Den Stil unseres Gegenübers zu erkennen, ermöglicht es uns wiederum, zu verstehen, was er in der Interaktion will, was seine wunden Punkte sind und wie er seine Wahrnehmung filtert.
Wenn wir das Gefühl haben, dass ein bestimmtes Verhalten „irrational“ ist, sind fast immer bestimmte Persönlichkeitsmerkmale im Spiel. Die Kenntnis von Persönlichkeitsstilen ist also von unschätzbarem Wert, wenn wir uns unser eigenes Verhalten und das der anderen verständlich machen wollen.
Jeder Mensch hat einen oder mehrere Persönlichkeitsstile in unterschiedlich starker Ausprägung. In einer extremen Ausprägung spricht man auch von einer Persönlichkeitsstörung. Die allermeisten von uns befinden sich aber irgendwo im Mittelfeld und weisen den jeweiligen Stil nur in Anteilen auf. Bei einer mittleren Ausprägung spricht man auch von einer Persönlichkeitsakzentuierung oder eben von einem Persönlichkeitsstil.
Ab wann ein Still so stark ausgeprägt ist, dass wir von einer Störung sprechen können, lässt sich nicht pauschal sagen. Die Frage ist vielmehr, welche Nachteile sich für den betreffenden Menschen aus seinem Stil ergeben. Wie hoch ist der Leidensdruck durch den Persönlichkeitsstil? Und hält der Stil ihn davon ab, wertegeleitet zu handeln?
Viele Menschen mit ausgeprägten Persönlichkeitsstilen kommen sehr gut durchs Leben. Sie haben vielleicht ihre Nische gefunden, in der sie Ihre Stärken besonders gut zur Geltung bringen können, oder ein soziales Umfeld, das ihre Störung akzeptiert. Andere Menschen dagegen haben schon einen moderat ausgeprägten Persönlichkeitsstil so große Nachteile, dass sie therapeutische Hilfe aufsuchen. Manche Stile wiederum funktionieren lange Zeit sehr gut, machen dann aber Schwierigkeiten, wenn sich die Lebensumstände ändern.
Allgemein gesprochen bestehen Persönlichkeitsstile aus folgenden Elementen:
Selbstschemata: Glaubenssätze über mich selbst (Ich bin nicht liebenswert, nicht wichtig etc.)
Beziehungsschemata: Glaubenssätze über Beziehungen (In Beziehungen wird man abgewertet, angegriffen, alles, was ich sage, wird potenziell gegen mich verwendet etc.)
Regelschemata: Glaubenssätze, wie andere mich zu behandeln haben (Mir steht eine Sonderbehandlung zu, mich darf man nicht kritisieren, mich hat man zu respektieren etc.)
Normschemata: Glaubenssätze, was ich tun muss (Ich muss etwas leisten, um geliebt zu werden, ich muss mich anpassen, um nicht verlassen zu werden etc.)
Wahrnehmungsfilter: bestimmte Arten und Weisen, wie ich meine Wahrnehmung interpretiere (Was andere als harmlose Bemerkung hören, fasse ich als Abwertung, als Bedrohung, als Grenzüberschreitung etc. auf)
Motive: Dinge, die mir besonders wichtig sind. Dies sind nichts anderes als Werte.
Wieso ist es jetzt also für ACT hilfreich, den eigenen Persönlichkeitsstil zu kennen? Nun, meine Schemata, mein Wahrnehmungsfilter und meine Motive äußern sich als Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse. Wenn ich meinen Stil kenne, weiß ich besser, was ich für Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse zu erwarten habe. Wenn ich diese schneller erkenne, kann ich auch schneller durch ACT-Techniken darauf reagieren.
Es kann außerdem sein, dass ich durch meinen Persönlichkeitsstil Motive verfolge, die nicht zu meinen anderen Werten passen. Dieser Widerspruch führt bei vielen Menschen zu Problemen. Um den Widerspruch aufzulösen oder einen guten Kompromiss zu finden, muss ich mein Motiv aber erst einmal kennen. Auch hierzu ist die Kenntnis meines eigenen Stils nützlich. Falls Sie das Thema interessiert, kann ich Ihnen das an Laien gerichtete Buch von Sachse (2019a) wärmstens ans Herz legen.
Die verschiedenen Stile habe ich in dieser Podcast-Serie dargestellt.