Diagnosen können hilfreich sein, aber sie werden problematisch, wenn sie zur festen Identität werden („Ich bin depressiv“ statt „Ich habe depressive Symptome“).
Nützlich sind diagnostische Begriffe, wenn sie Normalisierung ermöglichen und helfen, eigene Schwierigkeiten besser einzuordnen und zu akzeptieren.
Problematisch wird die Fusion mit der Diagnose, wenn sie als Begründung dient, wertegeleitetes Handeln zu vermeiden oder einzuschränken.
Entscheidend ist die funktionale Perspektive: Hilft die Diagnose beim Handeln und Leben nach Werten oder begrenzt sie die wahrgenommene Selbstwirksamkeit?
In diesem Kapitel würde ich gern eine Klasse von Gedanken zu sprechen kommen, mit denen wir oft sehr hartnäckig fusioniert sind, nämlich Gedanken über die eigene psychische Diagnose. Wenn wir in therapeutischer Behandlung sind, lernen wir, unsere Schwierigkeiten unter einer Diagnose zusammenzufassen. Gleichzeitig wird diese Diagnose auf der ein oder anderen Wiese zu einem Teil unserer Identität. „Ich habe eine Depression.“ wird schnell zu „Ich bin ein Depressiver.“
Interessant ist aus ACT-Perspektive natürlich vor allem, ob die Fusion mit Gedanken über die eigene Diagnose nützlich ist oder nicht. Hilft es mir weiter, über mich selbst zum Beispiel als Depressiver zu denken?
Nützlich sind Diagnosen meiner Einschätzung nach, wenn sie dazu führen, dass ich mich weniger allein oder abnormal fühle, weil ich weiß, dass es andere Menschen mit denselben Schwierigkeiten gibt. Wenn die Psychologie einen Namen dafür hat, kann ich kein völliger Freak sein. Nützlich sind sie auch, wenn sie mir dabei helfen, die schwierigen Gefühle zu akzeptieren, die mit dem Krankheitsbild einhergehen, beispielsweise starke Angst oder Niedergeschlagenheit.
Weniger hilfreich ist die Fusion mit Gedanken über meine Diagnosen dagegen, wenn sie mich von wertegeleitetem Handeln abhält. Wenn ich zum Beispiel denke, ich könne nicht auf andere Menschen zugehen, weil ich eine soziale Phobie habe, und in der Folge tatsächlich nicht auf andere Menschen zugehe, stellt die Diagnose eine Einschränkung dar. Menschen neigen dazu, ihr Selbstbild in Ihrem Handeln zu bestätigen. Eben deshalb kann die starke Identifikation mit einer Diagnose einschränkend wirken.
Wenn ich über mich selbst immer als der Depressive nachdenke, dann tue ich auch die Dinge, die ein Depressiver tun würde. Im schlimmsten Fall unterlasse ich Dinge, die eigentlich in meiner Macht stünden, weil ich denke, dass ich sie „als der Depressive, der ich eben nun einmal bin“ ohnehin nicht schaffe. Das passt auch zu den Bemerkungen über Selbstwirksamkeit von Tag 13. Wenn ich nicht glaube, dass ich etwas schaffen kann, dann tue ich es auch nicht. Das wiederum stärkt meine Überzeugung, dass ich es nicht schaffen kann. Und genau das hält mich im Zustand der Depression.