Defusion ist knifflig, weil Gedanken nicht nur Leid erzeugen, sondern auch unmittelbare Belohnungseffekte haben können.
Auch unangenehme Gedanken können eine funktionale Anziehungskraft besitzen, etwa durch Selbstgerechtigkeit, Wutbefriedigung oder „inneres Kratzen“ bei „emotionalem Juckreiz“.
Viele Fusionen bleiben stabil, weil sie Vertrautheit, Identität oder ein bekanntes Selbstnarrativ bieten (z. B. Opfer-, Sündenbock- oder Selbstabwertungsrollen als psychologische Heimat).
Gedanken können zudem als Abwehr gegen noch schwerer erträgliche Inhalte dienen. Defusion würde dann eine zusätzliche emotionale Konfrontation erzwingen.
Metaphorisch fungiert das Denken wie ein „Fliegenfischer“: Gedanken sind passgenaue Köder, die uns anziehen und binden. Defusion bedeutet, diese Köder zu erkennen, ohne „anzubeißen“.
Das Interessanteste und gleichzeitig Schwierigste an der Defusion ist ihre unwiderstehliche Anziehungskraft. Wir leiden oft genug unter unseren Gedanken und Grübeleien. Wieso fällt es uns gleichzeitig so schwer, uns von ihnen zu lösen? Selbst wenn wir bemerken, dass wir fusioniert sind, wieso schaffen wir es nicht immer, zu defusionieren?
Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft der Psyche, dass wir durch bloßes Denken nicht nur Leid, sondern auch Glücksgefühle erzeugen können. Wenn Sie an ein schönes Erlebnis zurückdenken, Vorfreude empfinden oder sich vorstellen, wie Sie Ihre Ziele erreichen, verschafft Ihnen dies Glücksgefühle im Hier und Jetzt. Sie haben einen Lustgewinn nur durch Ihr Denken.
Interessant ist an dieser Stelle aber, dass auch Gedanken, unter denen wir leiden, eine Anziehungskraft haben. Es gibt auch in diesem Fall etwas, das uns zu ihnen hinzieht. Wenn wir uns selbst gedanklich abwerten, unsere Zukunft schwarzmalen, uns in unsere Traurigkeit hineinsteigern, uns in wütenden Konfliktgesprächen verlieren oder alles schlechtreden, gibt es so etwas wie einen inneren emotionalen Juckreiz, den wir durch unsere Fusion kratzen. Wenn wir von solchen emotional stark geladenen Gedanken defusionieren, fühlt es sich für uns schnell unbefriedigend an. Es gibt da etwas, worauf wir verzichten müssen.
Wütende Fantasien sind ein gutes Beispiel für diese Art von Verzicht. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde unsere Fusion mit einem Gedanken über einen Streit nur Wut erzeugen, unter der wir leiden, als hätten wir also nur Nachteile. Tatsächlich gibt es bei solchen Fusionen aber oft auch eine grimmige Befriedigung oder eine selbstgerechte Genugtuung, die uns in der Fusion hält. Diese Selbstgerechtigkeit ist es oft, was die Fusion aufrechterhält.
Es ist schwer, für alle Fusionen mit unangenehmen Gedanken zu sagen, was uns an ihnen anzieht. Teilweise scheint es so, als wären uns manche negativen Gedanken einfach vertraut, als fühlten sie sich wie ein Zuhause an, in dem wir vielleicht schon viele Jahre unseres Lebens verbracht haben und in die wir uns von der Welt und unseren Problemen zurückziehen können wie in einen Kokon. „Ich weiß vielleicht nicht, wie ich meine Konflikte lösen kann, aber Selbstabwertung ist für mich ein Heimspiel. Immerhin kenne ich mich hier aus.“
Oder der Gedanke spielt eine wichtige Rolle für unsere Identität. Er enthält eine Erzählung darüber, wer wir sind und welche Rolle wir in der Welt spielen. Selbst negative Rollen wie beispielsweise der Sündenbock oder das Opfer („Immer ich!“) können diese Art von Sicherheit bieten. Die Defusion von solchen Gedanken würde bedeuten, dass wir auf einen Teil unserer Identität verzichten.
Ein letzter Vorschlag ist, dass die Fusion mit dem einen Gedanken andere noch unangenehmere Gedanken oder Gefühle überdeckt. Der Gedanke „Meine Eltern mögen mich nicht, weil ich ein Versager bin.“ ist vielleicht leichter zu ertragen als „Meinen Eltern sind meine Leistungen egal, weil sie sich nicht für mich interessieren.“ Ein unangenehmer Gedanke vermeidet einen noch viel unangenehmeren. Wenn ich defusionieren würde, müsste ich auf diese Überdeckung verzichten.
Ein guter Fliegenfischer, der auf Forellen angelt, weiß genau, wovon sich Forellen ernähren. Er bindet Fliegen, die diese Insekten imitieren, an seinen Haken. Diese Köder sind so gut gemacht, dass die Forelle den Unterschied nicht erkennt. Deshalb hält die Forelle sie für echt, schnappt zu und beißt an.
Unser Denken kann wie ein sehr guter Fliegenfischer sein. Unsere Gedanken und Gefühle sind wie speziell auf uns zugeschnittene Fliegen, die unser Denken so gestaltet, dass wir genau darauf anspringen. Das Denken wirft diese Fliegen in den Strom unseres Lebens direkt vor uns aus und sie wirken so real, dass wir darauf hereinfallen, zubeißen und nicht mehr loskommen. Sobald wir versuchen, uns zu befreien, führt dies oft dazu, dass wir uns noch mehr verstricken und der Haken sich tiefer eingräbt, wodurch wir weiter am Haken bleiben.
Während wir durch den Strom des Lebens schwimmen, treiben ständig Fliegen an der Oberfläche vorbei. Je besser wir darin werden, diese Fliegen zu erkennen und zu begreifen, dass wir nicht zubeißen müssen, desto seltener beißen wir an. So gewinnen wir mehr Freiheit, in die Richtung unserer Werte zu schwimmen (Stoddard & Afari, 2014).