Zugrundeliegende Annahmen sind allgemeine Überzeugungen (oft mit einer Wenn-dann-Struktur), die automatische Gedanken und Verhaltensweisen in vielen Situationen beeinflussen.
Sie sind meist nicht direkt sichtbar, sondern werden aus wiederkehrenden automatischen Gedanken und Verhaltensmustern erschlossen.
Psychische Probleme können durch solche Annahmen aufrechterhalten werden, z. B. Perfektionismus („Wenn ich Fehler mache, bin ich wertlos“) oder soziale Ängste.
Verhaltensexperimente helfen, diese Annahmen zu überprüfen, indem man sich bewusst den vermiedenen Situationen aussetzt und prüft, ob die befürchteten Folgen tatsächlich eintreten.
Für wirksame Verhaltensexperimente sollten Annahmen präzise formuliert, schrittweise getestet, mehrfach überprüft und die Ergebnisse schriftlich festgehalten werden.
In diesem Kapitel geht es um die sogenannten zugrunde liegenden Annahmen. Gemeint sind damit gewisse Überzeugungen, die allgemein genug sind, um für sehr verschiedene Situationen relevant zu sein. Zum Beispiel „In einer größeren Runde darf ich mir auf keinen Fall die Blöße geben“. Diese zugrunde liegende Überzeugung ist allgemein in dem Sinne, dass sie sich auf sehr unterschiedliche soziale Situationen auswirken wird. Eine andere Überzeugung, wie zum Beispiel, "Dirk interessiert sich nicht für meine Poker-Erfolge", wäre dagegen zu spezifisch.
Diese zugrundeliegebden Annahmen liegen, wie der Name schon sagt, den Gedanken, die wir in konkreten Situationen beobachten können, und unseren unbesonnenen Verhaltensweisen zugrunde. Wenn ich zum Beispiel viele misstrauische Gedanken in einer sozialen Interaktion habe, zum Beispiel, "Was fühlt der im Schilde, wie hat er das jetzt gemeint, will der mich bloßstellen?" und so weiter, dann können diese automatischen Gedanken der Ausdruck einer einzigen zugrunde liegenden Annahme sein, z. B. "Wenn du mich anderen interagierst, werden sie oft versuchen, dich zu dominieren."
Diese zugrunde liegenden Annahmen können häufig nicht direkt erkannt werden, sondern müssen aus den automatischen Gedanken erschlossen werden. Beobachtbar sind zunächst nur die automatischen Gedanken und sie sind das Material, von dem aus wir auf die zugrundeliegende Annahme als Hypothese schließen. Sobald solche zugrundeliegenden Annahmen einmal identifiziert sind, kann man versuchen, sie gezielt zu verändern oder zu erweitern, sodass ihr ungünstiger Einfluss auf unser Fühlen und Handeln verändert wird.
Diese zugrundeliegenden Annahmen haben in der Regel eine sogenannte Wenn-dann-Struktur. Zum Beispiel: "Wenn ich pünktlich bin, dann werde ich von anderen respektiert." "Wenn ich Fehler in einer Gruppe mache, dann werde ich abgewertet."
Solche zugrundeliegenden Annahmen hängen mit psychischen Schwierigkeiten in vielerlei Weise zusammen. Zum Beispiel die Annahme "Wenn mein Puls erhöht ist, dann deutet das auf einen drohenden Herzinfarkt hin". Diese Annahme könnte einer Panikstörung zugrunde liegen. Oder "Wenn ich nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe, dann bin ich anderen unwichtig oder andere finden mich nervig". Diese Annahme könnte Teil einer histrionischen Persönlichkeitsstörung sein. Oder "Wenn ich nicht perfekt arbeite, bin ich wertlos". Diese zugrunde liegende Annahme könnte das Kernstück des Perfektionismus sein. Wenn wir über viele verschiedene Situationen hinweg immer wieder die gleiche, nicht hilfreiche Verhaltensweise zeigen, deutet dies darauf hin, dass diese Verhaltensweise durch eine mehr oder weniger bewusste zugrundeliegende Annahme gesteuert wird.
Diese zugrunde liegenden Annahmen können unter anderem dadurch verändert werden, dass man sie konkret testet. Wie gesagt, weisen diese zugrundeliegenden Annahmen häufig eine Wenn-dann-Struktur auf. Das heißt, unsere Psyche sagt für eine bestimmte Situation bestimmte Konsequenzen vorher. Zum Beispiel "Auf einer Party werde ich nicht wissen, wie ich mit Menschen ins Gespräch kommen kann".
Hier setzen Verhaltensexperimente an, weil sie die Probe aus Exzempel machen und empirisch prüfen, ob die befürchtete Konsequenz auch tatsächlich eintreten wird. Das Tückische an zugrundeliegenden Annahmen ist, dass sie Vermeidungsverhalten steuern. Zurück zum Beispiel mit der Party: Wenn ich vorhersage, dass ich auf einer Party keinen Anschluss finden werde, dann werde ich Partys tendenziell vermeiden und dies wiederum führt dazu, dass meine Vorhersage nie widerlegt wird. Ich vermeide also genau diejenige Situation, der ich mich aussetzen müsste, um die zugrunde liegende Annahme zu revidieren und deshalb hält sich die zugrundeliegende Annahme so hartnäckig. Beim Verhaltensexperiment setze ich mich dieser Situation gezielt aus, sammle so Gegenevidenz gegen die Annahme und verändere sie dadurch.
Wenn ihr zugrundeliegende Annahmen, die ihr identifiziert habt, konkret testen wollt, gibt es eine Reihe von Regeln, an denen man sich orientieren sollte.
Zunächst ist es sehr wichtig, die Annahme möglichst klar zu formulieren, damit man das Experiment exakt auswerten kann. Ein bestimmtes Ergebnis sollte klar für oder gegen die Annahme sprechen, dafür muss die Annahme selbst aber genau auf den Punkt gebracht werden.
Außerdem ist es hilfreich, mit kleinen Verhaltensexperimenten zu beginnen und nicht gleich in die schwierigste Situation zu gehen. Hierfür wiederum kann es hilfreich sein, sich mehrere Verhaltensexperimente zu überlegen und diese der Schwierigkeit nach zu ordnen.
Oftmals verändern sich zugrunde liegende Annahmen außerdem erst dann, wenn man sie in mehreren Situationen wieder und wieder getestet hat. Wenn ich auf einer Party wieder Erwarten doch Anschluss finde, dann könnte sich meine Psyche dieses Ergebnisses so zurechtrechnen, dass es vielleicht diese eine konkrete Party war, bei der mir dieses Kunststück gelungen ist, ich aber bei allen Partys, die sonst noch folgen werden, versagen werde. Jeder Erfolg wird also als Ausnahme für ungültig erklärt. Entsprechend dauert es einige Zeit, bis ich meine Psyche überzeugt habe, dass Ausnahmen eben nicht die Regel bestätigen, sondern die Regel selbst falsch ist.
Um eine zugrunde liegende Annahme systematisch durch Verhaltensexperimente zu testen, kann es zudem sehr hilfreich sein, die Ergebnisse dieser Experimente schriftlich festzuhalten.