„Selbst-als-Kontext“ beschreibt die Fähigkeit, sich nicht mit einzelnen Gedanken, Gefühlen oder Rollen zu identifizieren, sondern mit dem Bewusstseinsraum, in dem diese Erfahrungen auftauchen.
Starre Selbstbilder („der Depressive“, „die erfolgreiche Führungskraft“) können Anpassung und Veränderung erschweren, weil Menschen dazu neigen, ihrem Selbstkonzept entsprechend zu handeln.
ACT unterscheidet zwischen dem „Selbst-als-Gedanke“ (Identifikation mit Geschichten über sich selbst) und dem flexibleren „Selbst-als-Kontext“.
Wer sich nicht mit einzelnen psychischen Inhalten identifiziert, muss diese weniger kontrollieren oder bekämpfen, wodurch mehr Akzeptanz und innere Flexibilität entstehen.
Metaphern wie „der Himmel statt das Wetter“ oder „das Klassenzimmer statt die Schüler“ verdeutlichen: Gedanken und Gefühle sind Inhalte des Bewusstseins, aber nicht identisch mit uns.
In diesem Kapitel geht es um die letzte der sechs Fähigkeiten in ACT: Selbst-als-Kontext. Dies ist eines der schwierigsten Konzepte von ACT. Deshalb hat es in diesem Kurs bislang nur wenig Raum eingenommen hat. Falls Sie den Eindruck bekommen, dass Sie das Konzept verwirrt und Sie keinen Nutzen daraus ziehen, blättern Sie einfach zum nächsten Abschnitt weiter. Selbst-als-Kontext für manche Menschen hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig, um von ACT zu profitieren.
Beim Selbst-als-Kontext geht es um die Frage, womit wir uns identifizieren. Wer sind wir? Natürlich haben wir ein Selbstbild und wir haben einige Erzählungen über uns und unsere Vergangenheit parat, die wir als Antwort anführen könnten. Vielleicht definieren wir uns als guter Vater, engagierte Lehrerin, erfolgreiche Führungskraft, als „der Depressive“, als Bildungsbürgerin oder als das Opfer der eigenen Erziehung, als die, die den Unfall überlebt hat, als gute Freundin, als Pechvogel, als Taugenichts oder als schwarzes Schaf der Familie.
Dabei handeln wir so, wie es zu unserem Selbstbild passt (siehe Tag 25). Das kann aber zum Problem werden, wenn sich unsere Lebensumstände verändern. Was tue ich, „die erfolgreiche Führungskraft“, wenn ich in den Ruhestand gehe? Was passiert, wenn ich, „der gute Vater“, plötzlich ohne Kinder dastehe, weil sie ausgezogen sind? Wer bin ich noch, wenn ich aufhöre, zu arbeiten, mich politisch zu engagieren oder meine Depression verschwindet?
Es kann also sein, dass bestimmte notwendige Veränderungen nicht stattfinden, weil sie nicht zu meinem starren Selbstbild passen. Selbst-als-Kontext ist eine Fähigkeit, das eigene Selbstbild ein bisschen flexibler zu gestalten, etwas lockerer zu nehmen und sich geschmeidiger an die Veränderungen in meinem Leben anzupassen.
Nun ist es so, dass die verschiedenen Identitäten, die wir uns geben (der gute Freund, die gute Mutter), Gedanken sind, mit denen wir fusionieren. Die Fusion führt zum sogenannten Selbst-als-Konzept. In diesem Fall nehmen wir uns als identisch mit dem Konzept des guten Vaters oder der engagierten Lehrerin wahr. Dies ist jedoch nicht der Fall. Wir sind nicht unsere Gedanken.
Wir sind ebenso wenig identisch mit diesen Gedanken wie wir mit unseren Gefühlen, Empfindungen, Willensakten oder Wahrnehmungen identisch sind. Wir sind, im mit ACT zu sprechen, kein Selbst-als-Inhalt. Wir sind mit nichts identisch, was sich in unserer Psyche ereignet. Wer sind wir also stattdessen?
Im nächsten Schritt scheint es vielleicht, als wären wir derjenige, der die Gedanken denkt, der die Gefühle und Empfindungen spürt, die Wahrnehmungen hat und die Willensakte vollzieht. Als wären wir eine Art Kern oder Zentrum unseres Bewusstseins, das in einer zentralen geistigen Kontrollstation sitzt, alles sieht, spürt und fühlt und den Körper kontrolliert. Viele Menschen verorten diese Kontrollinstanz hinter ihren Augen. Diese Vorstellung könnte man als Selbst-als-Beobachter bezeichnen.
Tatsächlich ist es jedoch so, dass wir auch diesen Beobachter nie in den Blick bekommen (S. Harris, 2015). Es ist schlicht nicht möglich, den Denker der Gedanken, den Fühler der Gefühle, den Empfinder der Empfindungen, den Wahrnehmer unserer Wahrnehmungen oder den Urheber unserer Willensakte wahrzunehmen. Es gibt neben unserem Bewusstseinsstrom kein weiteres Selbst, das diesen Strom in Gang hält.
Es gibt nur die bewussten Ereignisse (Gefühle, Gedanken, Willensakte etc.). Diese spielen sich alle im Kontext unseres Bewusstseinsfeldes oder unseres Gewahrseins ab. In diesem Sinne können wir sagen, dass wir, da wir nicht mit den Inhalten unserer Psyche identisch sind, mit dem Kontext identisch sind, in dem diese Inhalte erscheinen.
Was bringt dieser Perspektivwechsel von Selbst-als-Konzept zu Selbst-als-Kontext genau? Wenn wir uns mit einem bestimmten psychischen Ereignis identifizieren, versuchen wir in der Regel, dieses Ereignis zu kontrollieren. Kontrollieren heißt, wir hindern es daran, in eigenem Tempo zu kommen und zu gehen.
Das wiederum heißt nichts anderes als: Wir haben keine Akzeptanz gegenüber den Veränderungen, die die Empfindung natürlicherweise durchlaufen würde, bis sie verschwindet. Ich hindere den natürlichen Fluss der geistigen Phänomene, um das zu schützen und zu stabilisieren, was ich irrtümlicherweise in diesem Fluss für mich halte. Wenn ich mich aber mit dem Flussbett identifiziere, in dem dieser Fluss fließt, darf alles seinen natürlichen Gang gehen, was zu weniger psychischen Konflikten und Widersprüchen führt.
Eine verwandte Metapher lautet, wir seien der Himmel und nicht das Wetter. Welche psychischen Ereignisse auch entstehen, wie unangenehm sie auch sein mögen, es gibt nichts, was ich vor ihnen schützen müsste, indem ich vergeblich versuche, das Wetter zu verändern. Das, was ich tatsächlich bin, wird von meinen psychischen Ereignissen ebenso wenig berührt oder gefährdet wie der Himmel durch das Wetter berührt oder gefährdet wird.
Stellen Sie sich ein Klassenzimmer voller Schüler vor. Einige von ihnen sind „Problemschüler“: Sie widersprechen dem Lehrer, kleben Kaugummi unter die Tische und schreiben heimlich Nachrichten, wenn der Lehrer nicht hinschaut. Andere sind „gute“ Schüler: Sie passen auf, bekommen gute Noten und schleimen sich beim Lehrer ein. Wieder andere sind „normale“ Schüler: Sie sitzen ruhig an ihren Plätzen und bleiben weitestgehend unbemerkt.
Dann gibt es noch den Lehrer vorne im Raum, der die Schüler bewertet: Er ermahnt die Problem-Schüler, still zu sein, aufzupassen und sich zu benehmen, und lobt die guten Schüler, indem er ihnen goldene Sternchen ins Betragsheft klebt.
Ihre Gedanken und Gefühle ähneln den Schülern in diesem Klassenzimmer: Einige sind negativ, andere positiv und manche neutral. Gleichzeitig gibt es einen Teil von Ihnen, der diese Gedanken und Gefühle bewertet. Wie der Lehrer versucht er wahrscheinlich, die negativen Gedanken zum Schweigen zu bringen und die positiven Gedanken mit goldenen Sternchen zu belohnen, damit sie bleiben.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt in dieser Metapher: das Klassenzimmer selbst. Es umfasst sowohl die Schüler als auch den Lehrer, aber ist nicht identisch mit den Schülern oder dem Lehrer. Es ist der Kontext, der sie alle umfasst. Vielleicht sind Sie also weder die Schüler noch der Lehrer, weder die Gedanken, Gefühle noch deren Bewertungen, sondern das Klassenzimmer, der Raum, der diese Erfahrungen beinhaltet (Stoddard & Afari, 2014).