Konzentration = bei einer Wahrnehmungsquelle bleiben trotz Ablenkung
Sinnliche Klarheit = feinere und schnellere Wahrnehmung von Empfindungen
Gleichmut = weder Widerstand noch Craving gegenüber Empfindungen
Weniger Widerstand und Craving reduziert inneres Leiden und automatisches Verhalten
Dadurch Zugang zu neutralen Empfindungen im Alltag, vollständigeres Erleben unserer selbst und der Welt
Bei den Fähigkeiten, die wir im Rahmen der Meditation trainieren, handelt es sich um Dinge, mit denen jeder aus eigener Erfahrung vertraut ist.
Konzentration ist, wie im alltäglichen Sprachgebrauch, die Fähigkeit, mit der Aufmerksamkeit bei bestimmten Empfindungen[1] zu bleiben, auf die ich mich vorher festgelegt habe. Ich kann mich beispielsweise dazu entscheiden, für die nächsten zehn Minuten bei den Empfindungen in meiner linken Hand zu bleiben. Im Laufe dieser Zeitspanne zeigen sich bestimmte Ablenkungen: Andere Körperempfindungen drängen sich in den Vordergrund oder Gedanken an die Vergangenheit oder das Abendessen verlangen nach meiner Aufmerksamkeit. Konzentriert sein heißt in diesem Beispiel nichts Anderes als trotz Ablenkungen bei den Empfindungen der Hand zu bleiben oder schnell wieder zu ihnen zurückzukehren.
Sinnliche Klarheit (sensory clarity) ist die Fähigkeit, Empfindungen detailliert wahrzunehmen. Das heißt, dass wir auch subtile Eigenschaften und Veränderungen dieser Empfindungen bemerken. Sinnliche Klarheit könnte man einerseits vergleichen mit der Auflösung eines Computer-Monitors. Je mehr sinnliche Klarheit ich habe, desto mehr Pixel umfasst die Wahrnehmung meiner Empfindung. Andererseits könnte man sinnliche Klarheit mit der Framerate vergleichen, also der Anzahl der Bilder pro Sekunde. Bei geringer sinnlicher Klarheit habe ich pro Sekunde nur wenige Eindrücke, bei hoher sinnlicher Klarheit habe ich sehr viele Eindrücke und eine flüssigere Wahrnehmung davon, wie sich Empfindungen verändern.
Gleichmut (equanimity) ist die Fähigkeit, Empfindungen so hinzunehmen, wie sie sind.[2] Das Konzept der Gleichmut kann man sich gut durch Situationen verständlich machen, in denen sie uns fehlt. Wenn ich nicht gleichmütig bin, habe ich entweder Widerstand gegen eine Empfindung (aversion) oder ein Begehren (craving) nach dieser Empfindung.
Widerstand stellt sich standardmäßig bei unangenehmen oder schwierigen Empfindungen ein, beispielsweise wenn ich in einem überfüllten Zug stehen muss und die Klimaanlage ausgefallen ist. Meine Muskeln sind angespannt, ich schwitze und zwei Plätze weiter ist ein hektischer Vater darum bemüht, sein schreiendes Kind zu beruhigen. Bei Widerstand rege ich mich vielleicht darüber auf, dass die Bahn so schlecht organisiert ist, dass mir die anderen Fahrgäste auf die Nerven gehen, dass ich eh zu spät bin etc.
Zusätzlich bin ich höchstwahrscheinlich körperlich angespannt, weil ich diverse Empfindungen nicht fühlen will. Um die Misere nicht zu erleben, gucke ich auf mein Handy und scrolle durch Content, der mich nicht wirklich interessiert, was meinen Geist weiter zerstreut und mich noch anfälliger für diverse Gedankenschleifen macht. Ich wehre mich also innerlich dagegen, im Hier und Jetzt zu sein und meine unangenehmen Empfindungen so zu erleben, wie sie sich zeigen.
Das Paradoxe ist: Wenn es mir wirklich gelänge, meine unangenehmen Empfindungen so wahrzunehmen, wie sie sind, würden sie aufhören, unangenehm zu sein. Dies ist eine psychologische Tatsache, die aber niemand glauben muss, nur weil sie in diesem Handout steht. Vielmehr ist es eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, die man in der direkten Erfahrung mit den eigenen Empfindungen machen kann.
Wenn ich also jede Empfindung mit perfekt trainiertem Gleichmut hinnehmen könnte, würde ich nicht mehr leiden. Die schlechte Nachricht ist: Das dauert seine Zeit und perfekt trainierter Gleichmut ist ein Zustand, den die allermeisten Menschen nie erreichen werden. Die gute Nachricht ist: Man muss diesen Endzustand nicht erreichen, um seine Leiden durch Gleichmut zu reduzieren: Schon ein solide trainierter Gleichmut kann extrem hilfreich sein.
Neben psychischem Widerstand gibt es aber noch einen anderen Gegenspieler der Gleichmut, und zwar dasCraving, das ich hier in einem ganz bestimmten Sinn verstanden wissen will. Im Kontext von Substanzabhängigkeiten wird dieses Craving auch „Suchtdruck“ genannt. Jede schlechte Gewohnheit wird durch Craving aufrechterhalten. Wenn ich keine Lust mehr auf meine Aufgabe habe und ans Handy gehe, geht dem ein Moment des Cravings vorher. Wenn ich eine Mahlzeit in mich hineinschlinge, bin ich durch mein Craving getrieben.
Pema Chödrön vergleicht Craving mit dem Impuls, einen juckenden Mückenstich zu kratzen: ein starker Impuls zu einer Handlung, die mir eigentlich nicht guttut. Die Fähigkeit des Gleichmuts können wir nun also in Abgrenzung zu Widerstand und Craving definieren: Gleichmut liegt vor, wenn wir weder Widerstand gegen eine Empfindung haben noch ein starkes Craving nach ihr haben. Wir nehmen die Empfindung hin, wie sie sich zeigt. Sie kommt und geht in ihrem Tempo.
Indem wir Gleichmut kultivieren, werden wir außerdem empfänglicher für eine dritte Kategorie von Empfindungen: die neutralen Empfindungen, die uns weder abstoßen noch anziehen. Diese Empfindungen fliegen im Alltag für gewöhnlich unter dem Radar. Wir ignorieren sie, während wir uns gegen unsere schwierigen Empfindungen wehren oder anziehende Empfindungen uns in ihren Bann schlagen. Gleichmut eröffnet uns also den Zugang zu dieser dritten Kategorie von Empfindungen, die wir für gewöhnlich gar nicht mitbekommen, was zu einem vollständigeren Erleben unserer selbst und unserer Umwelt führt.
[1] Mit „Empfindung“ ist hier jede bewusste Erfahrung gemeint: Wahnehmungen, mentale Bilder, Klänge, die innere Stimme, Körperempfindungen, Gefühle etc., also alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten können. Wenn ich mich auf eine Empfindung konzentriere, zerfällt sie häufig in Teile. Diese werde ich hier ebenfalls „Empfindungen“ nennen. Der Begriff ist also sehr allgemein zu verstehen.
[2] Gleichmut ist identisch mit dem Konzept der Akzeptanz aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).