Die metakognitive Therapie geht davon aus, dass psychische Probleme durch dauerndes Nachdenken nicht gelöst, sondern verursacht werden.
Im Gegensatz zur kognitiven Therapie steht nicht der Inhalt der Gedanken im Mittelpunkt, sondern die Beziehung zu ihnen: Entscheidend ist nicht, was wir denken, sondern wie sehr wir uns damit beschäftigen.
Negative Gedanken allein verursachen keine psychischen Störungen. Belastend wird vor allem die wiederholte gedankliche Beschäftigung mit ihnen, also das Hineinsteigern und endlose Analysieren.
Grübeln ist ein aktiver Prozess, den wir beeinflussen können. Ziel ist es, wieder selbst zu entscheiden, wann Denken hilfreich ist und wann es losgelassen werden kann.
Jeder kann die Techniken und Ideen dieser Serie in seinem eigenen Leben ausprobieren, um zu sehen, ob die metakognitive Therapie recht hat.
In dieser Serie gehe ich davon aus, dass sich unsere Probleme mit Gedanken nicht dadurch lösen lassen, dass wir mehr denken, besser denken, gründlicher denken, sondern nur dadurch, dass wir weniger denken. Das ist die Grundidee der metakognitiven Therapie.
Dieser allgemeine Ansatz steht im Widerspruch zur sogenannten kognitiven Therapie, die in den 1980er-Jahren entstanden ist und heute als fester Bestandteil der Verhaltenstherapie weit verbreitet ist.
Der kognitiven Therapie zufolge muss sich der Inhalt unserer Gedanken ändern. Wir müssen Denkfehler korrigieren, neue Perspektiven einnehmen. Wir müssen Gedanken und Themen bearbeiten oder durcharbeiten, uns gut genug und ausreichend mit ihnen beschäftigen und dann löst sich das Problem.
Die metakognitive Therapie dagegen geht davon aus, dass der Inhalt der Gedanken quasi egal ist. Vielmehr geht es darum, wie wir uns zu unseren Gedanken verhalten, ob und wie viel wir uns mit ihnen beschäftigen.
Eine kurze begriffliche Erläuterung:
Kognitiv heißt in diesem Zusammenhang ungefähr so viel wie betrifft Gedanken.
Metakognitiv bedeutet ungefähr betrifft Gedanken übers Denken. Wenn ich zum Beispiel die Überzeugung habe, dass Nachdenken zu einer Lösung führt, dann ist das eine Metakognition, also ein Gedanke übers Denken.
Wir können den Unterschied zwischen beiden Therapierichtungen anhand eines Beispiels erklären. Wenn ich der Überzeugung bin “Ich bin ein Versager”, dann würden wir in der kognitiven Therapie fragen: Was spricht dafür, was spricht dagegen, dass das so ist? Oder begehe ich vielleicht einen Denkfehler? Verallgemeinere ich zum Beispiel von meinem Versagen in einem bestimmten Bereich auf meine ganze Person?
In der metakognitiven Therapie würden wir dagegen fragen: Ist es überhaupt sinnvoll, sich jetzt in diesem Ausmaß mit dem Gedanken näher zu befassen? Bringt es mich weiter?
Wie kommen wir zu der Annahme, dass der Umgang mit Gedanken ausschlaggebend ist und nicht der Inhalt der Gedanken? Nun, jeder denkt einmal schlecht über sich, hält sich manchmal für einen Versager oder für einen hoffnungslosen Fall. Aber nicht jeder, der dies denkt, wird deswegen notwendigerweise depressiv oder bekommt eine psychische Diagnose. Die negativen Gedanken allein sind also nicht hinreichend z. B. für eine Depression oder eine Angststörung.
Was zu psychischen Schwierigkeiten führt, ist eine bestimmte Verarbeitung dieser negativen Gedanken. Manche Menschen lassen solche Gedanken nicht an sich vorbeiziehen, sondern steigern sich in diese hinein. Sie denken und denken und denken.
Ein wichtiger Punkt ist hierbei, dass dieses Nachdenken ein aktiver Prozess ist. Wir beschäftigen uns aktiv mit der Frage, ob wir z. B. ein Versager sind. Entsprechend muss sich der metakognitiven Therapie zufolge unser Verhältnis zu unserem Denken verändern.
Grübeln belastet uns und führt zu psychischen Störungen. Wenn wir Grübeln einschränken, führt dies zu einer Besserung. Das muss jetzt aber niemand glauben, nur weil ich es hier schreibe oder weil es die Forschung sagt, sondern wir können das Experiment selbst durchführen. Wenn wir vier Wochen lang ein anderes Verhältnis zu unserem Grübeln ausprobieren und es einschränken, dann können wir selber prüfen, ob die metakognitive Therapie ihre Versprechen einhalten kann und ob es uns wirklich besser geht. Genau dieses Experiment schlage ich in dieser Serie vor. Zu den Details kommen wir gleich.
Grübeln ist auch deswegen ein kniffliges Thema, weil analytisches Denken ein wichtiges Werkzeug in unserem Leben ist. Nachdenken ist die Fähigkeit, die uns von anderen Tieren unterscheidet. Der Mensch ist das vernunftbegabte Tier. Viele Probleme lassen sich tatsächlich lösen, indem wir darüber nachdenken. Auf der Arbeit, in der Ausbildung und viele praktische Probleme, die sich uns im Alltag stellen. Wie gehe ich es an? Ich denke nach und wenn ich eine Lösung habe, mache ich mich an die Umsetzung.
Bestimmte Probleme haben aber keine klare Lösung. Hier findet der Denkprozess kein Ende und läuft auf unbestimmte Zeit weiter. Wenn ich nicht aufpasse, verselbstständigt sich der Denkprozess, bis ich den ganzen Tag mit Grübeln verbringe und die Gedanken selber anfangen, mich zu belasten. Fragen wie zum Beispiel: Bin ich glücklich? Hat mein Leben einen Sinn? Warum bin ich depressiv? Mögen mich die anderen überhaupt? Wieso habe ich einen geringen Selbstwert? Solche Fragen sind wie ein Knochen, auf dem ich ewig herumkauen kann, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Ich kann aber auch lernen, es zu lassen.