Es gibt viele Gründe fürs Grübeln, selten sind es gute.
Grübeln hilft meist nicht bei Depression, Selbstkritik, Entscheidungen oder Selbstwertproblemen: Übermäßige Analyse, Gefühlschecks und Selbstabwertung können Probleme verstärken, statt sie zu lösen.
Auch wahre und moralisch wichtige Themen können zur Grübelfalle werden: Nachdenken über gesellschaftliche Probleme ist sinnvoll, aber exzessives Grübeln ist nicht dasselbe wie tatsächliches Engagement und kann persönliches Leid erhöhen.
Traurigkeit und Grübeln sind nicht automatisch Zeichen von Tiefe oder Intelligenz: Man kann ein reflektierter und engagierter Mensch sein, ohne sich dauerhaft in schwermütigen Gedankenschleifen zu verlieren.
Vorweg: Niemand muss mir aufs Wort glauben, niemand muss die Einwände kaufen, die ich hier gegen das Grübeln formuliere. Die beste Möglichkeit, sich von der Methode zu überzeugen, ist, sie auszuprobieren. Dafür schlage ich vor, sich eine tägliche Grübelzeit festzulegen, diese 4 Wochen lang einzuhalten und zu beobachten, wie sich dies auf das Wohlbefinden auswirkt. Im Folgenden will ich einige Beispiele durchsprechen, wie Menschen ihr Grübeln rechtfertigen, und jeweils Gegenargumente formulieren.
"Grübeln hilft mir, das Problem besser zu verstehen oder die Antwort zu finden."
Isch des so? Wie lang habt Ihr schon gegrübelt? Seid Ihr in der Vergangenheit zu einem Ergebnis gekommen?
Grübeln frisst wahnsinnig viel Energie. Man muss aber nicht gezielt über Probleme nachdenken, um sie zu lösen. Oft arbeitet die Psyche im Hintergrund weiter und liefert eine Antwort, wenn wir am wenigsten damit rechnen, zum Beispiel unter der Dusche. Nicht alles Denken muss man kontrollieren, um zu guten Ergebnissen zu kommen.
"Grübeln hilft mir, meine Depression zu überwinden."
Hat das Grübeln denn bisher dabei geholfen? Wenn ihr das glaubt: Wie lang müsstet ihr noch weitergrübeln, um eine Antwort zu finden?
Metakognitive Therapie führt laut Studien nachweislich zu weniger depressiven Symptomen. Das zeigt empirisch, dass Grübeln eine Depression eher verursacht als löst.
"Ich kann mich durch Selbstkritik bessern. Eine saftige mentale Backpfeife und dann werde ich meine Lektion schon lernen!"
Funktioniert das? Würde ich so ein Kind oder einen Hund erziehen?
"Ich mache mich so runter, ich sage mir so schlimme Dinge, dass alle Kritik, die von außen kommt, lauwarm dagegen wirkt. Wenn ich mich präventiv für alles verantwortlich mache, was überhaupt geht, kann mir niemand mehr böse sein. Ich bin schließlich reumütig."
Geht diese Rechnung auf? Wie stark muss ich mich kritisieren, um mich vollkommen immun zu machen? Ist es mir das wert?
"Grübeln schützt mich vor Enttäuschungen. Wenn ich am Boden des tiefstens Lochs bin, kann ich nicht tiefer fallen."
Ist es das wert? Wie sehr muss ich die Dinge schwarzmalen, um mich gegen jede mögliche Enttäuschung zu immunisieren?
"Grübeln hilft mir dabei, Entscheidungen zu treffen."
Werde ich mir wirklich mit der Zeit sicherer? Oder verschiebe ich die Entscheidung nur immer wieder?
Bin ich denn gut im Treffen von Entscheidungen? Funktioniert das Grübeln denn als Strategie zur Entscheidungsfindung?
"Positives Grübeln stärkt meinen Selbstwert. Wenn ich mir selbst positive Dinge sage, wertschätzende Gedanken haben, eine wohlwollende Haltung zu mir selbst einnehme, ist dies gut für meinen Selbstwert."
Diese Strategie fühlt sich gut an, wenn sie funktioniert. Was aber, wenn ich es nicht schaffe, die angenehmen Gefühle aufrechtzuhalten? Was, wenn ich doch wieder Angst oder Unsicherheit spüre?
Ein schönes Gefühl, was durch einen wohlwollenden inneren Monolog aufrechterhalten werden muss, ist fragil. Schon kleine Änderungen versetzen mich in Alarmbereitschaft.
Wenn es nicht funktioniert? Dann besteht die Gefahr schuldbezogener Triggergedanken: "Ich muss wohlwollender mit mir umgehen!"
Was, wenn ich mich minderwertig fühle? Dann führe ich sofort einen Gefühlscheck durch, richte die Aufmerksamkeit auf das Gefühl, leite mehr oder weniger hilfreiche Gegenmaßnahmen ein und vertiefe mich in grüblerische Ursachenanalysen.
Der Selbstwert reguliert sich von selbst. Er muss nicht künstlich gesteigert werden, damit uns das Leben wieder gelingt. Vielmehr muss er in Ruhe gelassen werden. Daher ist es auch in Ordnung, sich auch mal wie ein hoffnungsloser Versager zu fühlen. Solang ich mich nicht stundenlang damit beschäftige, wird sich mein Emfpinden wieder einpendeln.
"Man darf die Augen nicht vor dem Schlechten in der Welt verschließen. Wir müssen im Bewusstsein dieser Missstände leben! Die Politik kürzt die Psychotherapie zusammen, es ist gut, viel drüber nachzudenken, wie viele psychische Störungen dadurch unbehandelt bleiben. Das Patriarchat ist real, es ist gut, viel darüber nachzudenken, wer wie diskriminiert wird. Der Kapitalismus ist ausbeuterisch, es ist gut, viel darüber nachzudenken, wie ungerecht der Wohlstand in der Welt verteilt ist."
Ich selbst habe 5 Jahre lang Philosophie studiert und bin an der Uni sehr viele Menschen begegnen, die über solche Themen grübeln. Intelligenz macht anfällig fürs Grübeln, weil beim Denken mehr passiert. Ich kannte beispielsweise einen promovierten Juristen, der überzeugter Marxist und massiv depressiv war, weil er sich gedanklich extrem ausführlich mit den Missständen der Welt befasst hat. Nicht nur war die Grübelei seinem Wohlbefinden abträglich, er hat durch sein Grübeln auch nicht dazu beigetragen, den vermeintlich oder tatsächlich ausgebeuteten Proletariern der Welt in ihrer Not zu helfen. Zudem war er bekannt dafür, das Regime in Nordkorea zu verteidigen. Die Grübelei scheint ihn also auch auf der Inhaltsebene nicht näher zu Wahrheit geführt zu haben.
An politischem Engagement ist per se nichts auszusetzen, jedoch sollte man nicht den Fehler begehen, das bloße Nachdenken oder Reden über gewisse Missstände mit tatsächlichem Engagement zu verwechseln. Gerade weil diese Missstände moralisch relevant und dringlich wirken, funktionieren sie oft wie eine Falle, in die intellektuelle begabte Menschen häufig tappen. Daraus folgt nicht, dass man die gedankliche Beschäftigung mit diesen Themen vollständig aufgeben sollte, aber Engagement ohne exzessive Grübelei ist möglich.
Ein verwandter Grund, der den Betroffenen nur halb bewusst sein dürfte: "Ich merke zwar, dass mich das viele Nachdenken traurig macht, aber das nehme ich als Anzeichen, dass ich eben smart genug bin / empfindsam genug bin, um die Wahrheit zu erkennen und zu ertragen. Alle anderen verschließen die Augen davor, wie die Welt ist, ich halte sie aus."
Dabei ist es eine sehr verbreitete Verwechslung, Traurigkeit für Tiefgründigkeit zu halten, was zu sehr viel unnötigem psychischen Leid führt. Wer dieser Verwechslung erliegt, kann die Traurigkeit nicht gehen lassen, weil er sie immer auch als Kompliment an die eigene Empfindsamkeit versteht.
Ich vermute, dass dies der zugrundeliegende Mechanismus ist, der dazu führt, dass Depressionen oft romantisiert werden. Dies birgt außerdem die Gefahr des Identitätsverlustes: Wer bin ich noch, wenn ich aufhöre, der schwermütige Denker zu sein, dessen empfindsame Seele an der Welt leidet? Erfreulicherweise ist es möglich, ein tiefer Denker zu sein, ohne dabei in schwermütige Grübelei zu verfallen.