Nicht alle Gedanken sind kontrollierbar: Automatische Gedanken, Einfälle und Impulse entstehen von selbst und können nicht einfach verhindert werden.
Kontrollierbar ist jedoch unser Umgang mit Gedanken: Grübeln entsteht nicht durch den automatischen Gedanken, sondern dadurch, dass wir beginnen, uns aktiv (oft aus Gewohnheit) mit ihm zu beschäftigen.
Grübeln lässt sich mit Gewohnheiten wie Kaugummikauen oder dem Kratzen eines Mückenstichs vergleichen: Der Impuls kommt automatisch, aber wir können lernen, ihn wahrzunehmen und ihm nicht zu folgen.
Die Kontrolle über Grübeln bedeutet nicht Schuld am eigenen Leiden, sondern eröffnet die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen und unser Leid zu verringern.
Gedanken sind wie Züge am Bahnhof: Wir können nicht bestimmen, welche Gedanken auftauchen, aber wir können lernen zu entscheiden, in welche Gedanken wir „einsteigen“ und welche wir weiterfahren lassen.
Welche Teile des Denkens können wir eigentlich kontrollieren und welche nicht? Es gibt viele automatische Gedanken, auf die wir quasi keinen Einfluss haben. Wenn ich zum Beispiel sage “Denkt in den nächsten zehn Sekunden nicht an einen pinken Elefanten”, dann denken die meisten Menschen an einen pinken Elefanten. Genau so wenig Kontrolle haben wir über die tausenden Einfälle, die uns im Laufe des Tages kommen.
Nun ist es aber so, dass unsere Grübelschleifen nicht aus automatischen Einfällen bestehen, auf die wir keinen Einfluss haben. Vielmehr ist es so, dass uns ein automatischer Gedanke kommt, zum Beispiel eine bestimmte Frage oder ein bestimmtes Problem, und dann fangen wir an, uns aktiv damit zu beschäftigen. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass wir eine bewusste Entscheidung fällen, uns mit dieser Frage zu beschäftigen. Es ist auch möglich, dass wir uns aus einer jahrelangen Gewohnheit in den Denkprozess hineinbegeben.
Es ist, als hätte ich einen Kaugummi im Mund, auf dem ich anfange, herumzukauen. Ich muss mich nicht aktiv dazu entschieden haben, auf dem Kaugummi herumzukauen. Die Reaktion könnte auch automatisch sein, aus reiner Gewohnheit. Trotzdem kann ich mein Bewusstsein darüber schärfen, wann ich ins Kauen verfalle, und ich kann lernen, das Kauen zu unterlassen. Exakt so verhält es sich auch mit unserem Denken.
Das Nachdenken über eine solche Frage kann man auch mit dem Kratzen eines Mückenstichs vergleichen. Ob der Mückenstich juckt oder nicht, darüber haben wir keine Kontrolle. Ob wir aber kratzen oder nicht, können wir kontrollieren, auch wenn wir es manchmal automatisiert und nicht im vollen Bewusstsein tut. Wie beim Mückenstich fühlt es sich zunächst gut an, über eine Frage intensiv nachzudenken. Langfristig wird dieses Problem aber durch das intensive Grübeln verschlimmert.
Jetzt könnte man sich fragen: Heißt das etwa, dass ich schuld an meinem Leiden bin? Wenn ich das Grübeln kontrollieren kann und das Grübeln verantwortlich ist für mein Leiden, heißt das dann, dass ich die Verantwortung für mein Leiden trage? Schuldfragen sind mir an dieser Stelle egal. Der springende Punkt ist lediglich: Wir tragen durchs Grübeln aktiv zu unserem Leid bei. Wir können lernen, das Grübeln sein zu lassen. Also können wir auch lernen, unser Leid zu verringern. Für mich ist das erst mal eine hoffnungsvolle Perspektive.
Vielleicht denkt Ihr nun: “Ich habe das Grübeln nicht im Griff, sonst würde ich es ja lassen.” Dem würde ich antworten: Wir unterschätzen die Kontrolle, die wir haben. Auch das muss mir niemand glauben. Wie gesagt, jeder kann das Experiment über die nächsten vier Wochen selbst durchführen. Dabei werden viele die Erfahrung machen, dass Gedanken sind wie Züge. Wir sitzen am Bahnhof und ob die Züge einfahren und welche Züge einfahren, darüber haben wir keine Kontrolle. Die Züge halten und fahren nach einiger Zeit wieder. Was aber in unserer Kontrolle liegt, ist, ob wir in den Zug einsteigen oder nicht.